2.2

Die Frau war seit zwei Dutzend Jahren kein Teenager mehr, und sie sah aus, als wüsste sie das Beste daraus zu machen. Die hohen Wangenknochen waren gerötet, von Rouge und von Alkohol und von Lust nach mehr. Sie streckte ihm ihre Hand hin.

„Ich bin Gallathea Kelling“, sagten ihre karmesinroten Lippen dazu.

Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück, um ihren Körper besser taxieren zu können. Weit kam er damit nicht. Schon zwei Handbreit unter dem Kinn blieben seine Augen hängen, da, wo nur weiße Haut war und gewölbtes Fleisch . Erst knapp vor den Brustwarzen, deren harte Erhebungen sie als Spitzen der darunterliegenden Eisberge verrieten, schwebten halbdurchsichtige Fetzen schwarzen Musselins. Sie wurden allem zum Trotz, was man Harry Mann in der Schule über Naturgesetze erzählt hatte, von einem Nichts gehalten, das sich in Richtung Rücken ahnen ließ.

„Sie wollen doch reinkommen, oder?“

Der spöttische Unterton in ihrer Stimme drang nur schwach durch den Schleier seiner Gedanken. Die Frau war schön, entschieden zu schön. Wenn es auf der Welt gerecht zuginge, wäre sie Kellings Tochter und nicht seine Ehefrau. Harry Mann stand da, starrte sie an und nickte mechanisch. Gallathea Kelling schüttelte ihr halblanges gelocktes Haar, das tiefschwarz ihr weißes, leicht slawisches Gesicht einrahmte, und ihre Zähne lächelten dazu so grell und einladend wie eine frische Schneelandschaft.

„Wie wär’s, wenn Sie’s dann jetzt täten? Reinkommen, meine ich.“ Sie lehnte sich zurück an die Tür und kreuzte die Beine.

„Tut mir leid“, sagte er und setzte unwillkürlich zu einer seiner weitschweifigen Entschuldigungen an, ohne den Blick von Gallathea Kelling abwenden zu können.

„Mein Mann erwartet Sie im Esszimmer“, unterbrach ihn die Frau in der Tür. Und Harry Mann, Idiot, der er war, stellte sich gleich vor, wie es wäre, wenn nicht nur ihr Mann sich etwas von diesem Abend erwartete.