2.2

Sie hatten die gut zehn Meter lange Halle durchquert, und Kellings Frau öffnete die Tür zu einem Raum, der mühelos als Operationssaal durchgegangen wäre. Auf dem Boden lagen weiße Kacheln, an den Wänden glänzte weißlackierte Raufaser. In dem angeblichen Esszimmer war nicht gedeckt.

Der Raum war so gut wie leer. Außer einem Glastisch mit weißen Metallfüßen, sechs schwarzweißen Lederstühlen in der unbequemen Bauhaus-Tradition, einer klobigen Bodenvase mit Schachbrettmuster und einer bunten Neonröhre sah Mann lediglich einen schlechten Chagall sowie einen hageren, leicht gebückten Herrn an der Grenze zum Greis, der sich beim Geräusch der Tür umdrehte.

„Ah, Harry, gut, dass Sie doch noch gekommen sind!“

Kelling wirkte aufgekratzt. Er hatte sich in einen tropenhellen Kolonial-Einreiher geworfen, garniert mit einem blaurotgrüngestreiften Schlips aus dem Diners-Club-Sonderangebot, dazu ockerfarbene italienische Schuhe mit eingelegtem Strohgeflecht und weißen Spitzen. Der typische Nordland-Gigolo mit einem Hauch von Adria.

Mann sprach die notwendigen Floskeln und wich dem musternden Blick des Gastgebers vorsichtig aus. Der Alte überprüfte als erstes die Kleidung seines künftigen Stellvertreters, pingelig wie sonst kaum, aber wohl mit positivem Abschluss. Entlastung gewährt.

Die Frau des Hauses stand dabei und lächelte arrogant. Mann musste sich alle Mühe geben, nicht auf ihr Dekolleté zu starren.

„Schön haben Sie’s hier“, sagte er, um sich abzulenken. Da er altdeutsche Eichenmöbel erwartet hatte, betrachtete er die Einrichtung mit kaum geheuchelter Bewunderung.

„Meine Frau …“, sagte Kelling ungewöhnlich kraftlos und lächelte ihr zu. „Sie hat ihr Talent zur Innenarchitektin entdeckt.“

„Ich kümmere mich um Irene.“ Die Stimme der schönen Gallathea hatte einen bösen Unterton, als sie sich zum Gehen wandte.