2.2

„Geheiratet haben wir erst“, hatte Kelling ihm bei ihrem ersten Abendessen mit Lüstlingszwinkern anvertraut, „als die Sozis die neuen Scheidungsgesetze machten.“

Bestimmt hatte der alte Knabe damals, in den frühen siebziger Jahren, bunte Nyltesthemden getragen und einen roten Sportwagen mit weißen Ledersitzen gefahren, ein toller Fang für eine Sekretärin namens Gallathea. Und bestimmt hatte Kelling dabei das Sagen gehabt.

In fast allen Ehen, die Mann kannte, waren die Männer jahrzehntelang obenauf gewesen, bis die alternden Tyrannen die Macht mit schöner Regelmäßigkeit abgeben mussten. Wahrscheinlich, sobald sie im Bett versagten. Wenn er seine private Theorie über Lust und Herrschaft in der real existierenden Ehe auf den speziellen Fall übertrug, bedeutete das: Vielleicht könnte er heute Abend die Weichen stellen für ein zweites, privateres Treffen mit Kellings schöner Gallathea.

„Na, denn mal Prost“, sagte Kelling und hielt Mann den Champagnerkelch hin. „Auf gutes Gelingen!“

Sie stießen an, und dann nahm Kelling seinen Gast am Arm und führte ihn hinaus auf die Terrasse. Auch hier hatte die Frau des Hauses ihren gestalterischen Talenten freien Lauf gelassen. Der Garten glich dem Ausstellungsgelände eines Fachhandels für Freizeitbedarf: eine halb überdachte und mit Elektroheizern bestückte Sitzecke an den hohen Hecken rechts, ein halbes Dutzend bunter Plastikliegen rund um den ovalen Pool in der Mitte und ein alternatives Glashäuschen zum Kräuteranbau links. Der überpflegte Rasen dazwischen hätte genauso gut aus Plastik sein können.

In der Nähe des Swimmingpools stand Gallathea Kelling mit einer großen und sehr dünnen, fast ausgemergelten Frau von bestimmt siebzig Jahren. Gallathea sprach kein Wort. Die andere Frau wandte den Ankömmlingen ihren Rücken zu. Um den knabenhaften Körper trug sie einen schwarzen, Smoking-ähnlichen Anzug mit Bauchscherpe, für den mancher Sargträger sein Leben gegeben hätte. Ihre vollen kurzen Haare schimmerten lila. Harry Mann hatte das dumme Gefühl, dass die beiden auf ihn warteten.