2.2

„Das ist Irene Hexter, meine Halbschwester“, sagte Kelling leise, während die beiden Männer in Richtung Pool gingen. „Versuchen Sie, einen guten Eindruck zu machen. Es hängt einiges davon ab.“

Mann meinte, einen Hauch Ehrfurcht in der Stimme seines Chefs zu hören. Beide Frauen schienen in ernste Gedanken versunken. Ihre Silhouetten boten einen scharfen Kontrast. Unwillkürlich gingen Kelling und Mann etwas langsamer. Die Szene am Pool glich einem romantischen Genrebild. Zweimal Narziss; einmal die Lust, einmal der Tod.

Als Kelling und Mann näherkamen, wandte Irene Hexter ihnen ihr zerfurchtes Gesicht zu. Mann schreckte unwillkürlich zusammen. So hatte er sich, wenn in den Zeitungen von Konzentrationslagern und Lampenschirmen aus Menschenhaut die Rede gewesen war, immer die weiblichen Aufseher vorgestellt. Hagere, böse und inzwischen natürlich uralte Todesengel.

„Sie sind also Harry Mann“, sagte Irene Hexter mit einem leichten, nicht identifizierbaren Akzent in der Stimme. „Sie haben uns warten lassen …“

„Tut mir leid.“ Er hörte selbst, dass es nicht sehr bedauernd klang. „Ich hatte noch einen Termin.“

„Doch nicht etwa gearbeitet?“ Der spöttische Ton in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „So spät noch, am heiligen Freitag?“

„Was Arbeit betrifft, bin ich Atheist.“

Kelling schaute unglücklich drein. Sie hatten einen klaren Fehlstart.

Die Alte verzog die beiden roten Drähte, die ihr als Lippen dienten. „Das will ich Ihnen gerne glauben.“ Sie lachte kurz auf, bevor sie seine Worte in ihrem Mund verdrehte. „Mein Bruder erzählte schon, dass Sie Fleiß nicht sonderlich anbetungswürdig finden. Ihre Stärke liegt wohl eher in der Vermeidung von Arbeit.“