2.2

Irene Hexters Stimme war ein wenig zu schnarrig und ihre Gesten überheblich.

„Ich bitte dich …“, widersprach Kelling hilflos.

„Lassen Sie ruhig.“ Aber es klang nicht echt. Manns Tonfall war ganz beleidigte Unschuld. Das höfliche Heucheln bereitete ihm schon immer Schwierigkeiten.

Natürlich hatte er einen Großteil seines Lebens schlicht in einem Berliner Hinterhof verpennt, und natürlich hatte er auch nicht vor, an seinem neuen Arbeitsplatz mehr als notwendig zu tun. Warum auch?

Sollte er sein Herzblut an die Computerisierung der bekloppten Transaktionen vergeuden, mit denen Kelling und seine Kretins sich im hoch subventionierten Osthandel gesundstießen? Schon jetzt, fünf Wochen, bevor er seine neue Stelle antreten sollte, konnte er das scheinheilige Gesäusel nicht mehr hören: Berlin, die Brücke zwischen Ost und West! Es war zum Kotzen. Bestenfalls eine brüchige Eselsbrücke war die Halbstadt für dieses Pack, eine willkommene Abkürzung auf dem Schleichweg von Unfähigkeit zu Erfolg, von Dummheit zu Reichtum.

Irene Hexter jedenfalls gab keine Ruhe. Ein kleiner Streit schien ihr der beste Aperitif. „Ich tue Ihnen doch nicht Unrecht?“

„Ihre Bemerkung mag vielleicht der Wahrheit entsprechen“, sagte Mann und spürte, wie die seit Tagen unterdrückte Wut über seine private Kapitulation ihn gestelzt klingen ließ, „aber besonders höflich ist sie nicht.“

„In meinem Alter“, gab Irene Hexter zurück und trank aus ihrem Glas etwas, das wie Cognac mit Kohlensäure aussah, „hat man keine Zeit mehr für allzu viel Höflichkeit.“

„Wer dafür zu alt ist, sollte eben zu Hause bleiben. Oder seinen Mund halten.“

„Harry, ich dulde nicht …“, setzte Kelling in seinem Büroton an.

„Ich bitte dich, hör mit dem Unsinn auf!“ sagte Irene Hexter. Es klang nicht wie eine Bitte. Sie erteilte Kelling einen Befehl. Die schöne Gallathea legte ihre Hand auf den Arm ihres Angetrauten.