2.4

„Ich habe keine Frau“, hatte er misstrauisch geantwortet.

Sein Lebenswandel entsprach kaum den Ansprüchen, die Chefs an zuverlässige Mitarbeiter stellen. Das begann schon bei der scheinheiligen Frage nach seiner Frau. „Ledig“ stand in seiner Bewerbung. Für Häuslichkeit brachte er, seit Anne ihn verlassen hatte, kein Interesse auf, und von Mädchen, die wie er Sex für eine Nacht wollten, waren die Kneipen voll. Alle Welt fürchtete sich zwar vor Aids, aber praktische Konsequenzen hatte das sowieso nur für die Redakteure, die darüber ihre Horrorstories schrieben, und für ein paar unheilbare Hypochonder, die jede Krankheit begrüßten wie der König von Theben seinen Sohn. Und lief einmal wirklich nichts, so bezahlte Mann halt. Das kam immer noch bei weitem billiger als Frau oder Freundin.

„Nichts Festes?“ hatte Kelling weitergebohrt. Und auf sein Kopfschütteln: „Dann essen Sie eben solo, meine Frau nervt allemal für zwei.“

Zu der Verabredung in einem dieser rustikalen Steakhäuser war Kelling aber ebenfalls allein erschienen. Der Abend verlief halbwegs erträglich. Die beiden kippten hemmungslos Bier und Korn, und Kelling, der kurz vor der Pensionierung stand, merkte nicht die Spur, wie gleichgültig Harry Mann seine vielversprechenden Andeutungen ließen. Ein süßes Lebenslänglich von neun bis fünf, abgesessen für Leute, die sich mit seiner Arbeit eine goldene Nase verdienten, reizte ihn nicht sonderlich. Natürlich endete der Abend auf Spesen in einem Grunewalder Nobelpuff, und natürlich gab Kelling viel Geld aus, ohne dass einer von ihnen mit einem der Mädchen was gemacht hätte.