2.7

Am Nachmittag fuhr Harry Mann wieder raus nach Konradshöhe, diesmal mit seinem verrosteten Fahrrad, das er aus der hintersten Ecke des Kellers hervorgezerrt hatte. Der Tag war so heiß geworden, wie der Morgen versprochen hatte; ein Spätsommer wider die deutsche Natur. Die Geschäfte waren schon eine Weile geschlossen, und der Ausflugsverkehr verstopfte die Straßen. In Richtung Tiergarten mussten selbst die Radfahrer in Pulks fahren und hatten Mühe, einander zu überholen.

Vor Sonntagfrüh würde er mit niemandem sprechen können und bis dahin auch nichts mehr zu essen bekommen, also hatte er zwei Tafeln Nuss-Schokolade eingesteckt und seinen Walkman, aus dem ihm die Beatles „A Hard Day’s Night“ entgegen schrien.

Kurz hinter der blassbeigen Philharmonie nahm er die breite Schneise der Bellevueallee, deren gute Aussicht auf das Schloss natürlich schon lange verbaut worden war, umrundete die Siegessäule und entschloss sich, nachdem er den Blattgold-Engel in seinen Rücken gebracht hatte, zu einem kleinen Umweg durch die rasend veraltete Moderne des Hansaviertels. Unendlich viel Zeit hatte er noch totzuschlagen. Seine Wochenendfahrt ins neue Leben musste gemächlich weitergehen, ohne jeden Gedanken daran, was vor ihm lag.

Harry Mann strampelte an den roten Backsteinbögen der S-Bahn entlang, über die Spree und am ehemaligen Sudhaus vorbei, das zu einer Art Gewerbehof umfunktioniert worden war. Die langgezogene Steigung dahinter, hinauf zur Putlitzbrücke, brachte ihn ziemlich ins Schwitzen. Er stieg ab und schob das Rad, was ihm mehr als gewünscht Gelegenheit gab, das vertraute und doch sehr befremdliche Architektur-Patchwork aus stucklosen Altbauten und schmucklosen, früh verfallenden Neubauten zu bewundern.