2.7

Hier, am Rande der City, fügten sich die letzten Reste der Prolo-Schultheiß-Eck-Kultur zu einer unheiligen Allianz von „Glühwürmchen 1“ und „Selevacik-Grill“, freudlos, grau und schmuddelig wie alles in Berlin; zu einem leicht slumartigen Wie-soll-man-leben-Vakuum, in das bald holzgetäfelte Bistros und hell gestylte Cafés stoßen würden. Tempel des Schneller Wohnen, Schneller Leben. Ambiente statt Milieu, begeistert begrüßt vom aufstrebenden Publikum. Zum Teufel mit den real existierenden Versatzstücken der stillstehenden Immer-noch-Nachkriegs-Zeit! Und her mit der Fernsehweh-Gegenwart, in der endlich kein Spiel nicht mehr ging!

„Mann“, dachte Mann und schüttelte sich, „du denkst dir einen Scheiß zusammen.“

Genaugenommen war es Peters Scheiß.

„Was wir erleben, ist die Abschaffung des Erlebens“, pflegte der immer zu klagen, damals, als sie alle noch zusammenwohnten und dagegen ankämpften, so zu werden, wie sie nun mal sollten.

„Gestern war’s noch schlimm“, hatte Anne eines Abends auf das Verlustgerede geantwortet, mit einem lauten Lachen, im „Slumberland“, kurz bevor sie plötzlich verschwunden war, „aber heute lacht man schon drüber.“

Harry Mann war oben auf der Brücke angekommen. In ihrer Mitte, dort, wo vor einem halben Jahrhundert eine längst abgerissene Treppe hinabführte auf die viel spurigen Gleisanlagen, hinab in die Waggons, in die Lager, in die Öfen, in der prallen Sonne, an Tagen wie diesem, lagen unter dem Denkmal mit dem Davidstern, von keiner Träne genässt, ein paar blasse Kränze und verdorrten.

Die Vergangenheit …, dachte er, und wusste nicht, was er denken sollte. „Meine eigene jedenfalls“, sagte er dann leise und fast fröhlich vor sich hin, „die schaff’ ich heute ab. Futsch, verloren, dahin.“