2.7

Futsch wie der alte Pelikan, den Peter ihm vor einem Jahr zum siebenunddreißigsten Geburtstag geschenkt hatte, mit einer echten Goldfeder und „Harry Mann“ in Sütterlin eingraviert. Aber ihn immerhin würde er wiederfinden. Am Abend bei Kellings hatte er den Füller noch benutzt, und wie. Also lag er wahrscheinlich in Gals Gästezimmer, und wenn nicht, dann musste Mann ihn bei der Heimfahrt heute morgen in Peters Cabrio verloren haben, als er das Jackett, statt es aufzuhängen, wie üblich einfach auf den Rücksitz geschmissen hatte.

Er stieg wieder aufs Rad. Die harmlosen hohen Schornsteine am Hohenzollernkanal vor Augen, fünf dicke und zwei dünne, ließ er sich anstrengungslos hinunterrollen, zu auf das schöne neue grüne Schild mit gelbem Rand, auf dem „Wedding“ stand.

Erst nach einem Vierteljahr hatte Anne ihm damals eine Karte geschickt, aus Kreta. Heute wohnte sie, von Kopf bis Fuß Professorin auf Lebenszeit, im schnuckeligsten Zehlendorf, wo man, was die Verniedlichung des Berliner Miefs betraf, schon wesentlich weiter war als hier oben im schäbigen Norden.

Eine Viertelstunde später etwa, er war gerade vorbei am Volkspark Rehberge, wo das grüne Container-Klo zum Leidwesen seiner Blase ebenso besetzt gewesen war wie der Parkplatz, am Ende der Afrikanischen Straße also, senkte sich dann ein brüllender bauchiger Vogel über die farblosen Baukastenwürfel der Friedrich-Ebert-Siedlung, so tief, dass Harry Mann für einen sehr langen, sehr unangenehmen Augenblick in seine Schattenflügel eintauchte.

Voll unliebsamer, schlechter Erinnerungen, voller Lebensreste, von denen sie wenig wussten, steckte der Alltag, und so wollte keiner in diesem Land sich gerne erinnern. Ungewusst war die eigene Zeit und doch so wenig vergessen, wie er Kelling vergessen konnte, der morgen bereits ein weiteres Stück toter Vergangenheit sein würde.