3.3

Auf dem Trümmergrundstück hatten die Wiederaufbaukünstler in den frühen sechziger Jahren ein Dutzend Flachgaragen und einen kahlen Kinderspielplatz angelegt. Hinter seinem voll geschissenen Sandkasten und den verrosteten Klettergeräten rollte der Berufsverkehr. Auf der anderen Straßenseite war eine Bushaltestelle, dicht dabei der unvermeidliche Zeitungsstand. An ihm verschaffte Mann sich allmorgendlich seine Basisinformationen über das Weltgeschehen, indem er durch das Fernglas die Schlagzeilen der ausgehängten Zeitschriften las.

Springers „BZ“ etwa verkündete heute oben mittelgroß und fett und schwarz „30 Meter über der Mauer – Opfer Ostberlins?“; darunter riesig und rot „Der Agent, der aus dem Fenster sprang“.

Mann ging wieder hinein und widerstand der brennenden Sehnsucht, Gal anzurufen. Stattdessen versuchte er, das Frühstücksei zu köpfen. Die Hinrichtung misslang gründlich. Es schien einer dieser Tage zu werden. Mittwoch.

Morgen würde er nach Hamburg fahren. Er war gespannt, wie Wolf sich verändert hatte. Die besten Freunde waren sie gewesen, sie beide und Peter und Anne. Aber schon mit Peter war es inzwischen schwer genug, obwohl sie doch ein paar Mal im Monat um die Häuser zogen.

Harry Mann bezweifelte, dass er und Wolf sich viel zu sagen haben würden. Besser, er versprach sich nicht zuviel von diesem Wiedersehen.

Als das Telefon klingelte, fingerte Mann noch immer nach versprengten Stückchen Schale in dem hellorange gefärbten Eidotter. Ein wenig erleichtert, wenn auch ohne große Hoffnung, stand er auf und hob den Hörer ab.

„Wir müssen uns sehen!“ Es war Gal. Sie sprach leise und gehetzt.

„Wann?“

„Freitagabend.“

„Warum nicht heute? Gleich?“

„Die Bullen beschatten mich. Übermorgen geh’ ich in die Philharmonie, Leonard Bernstein, da könnten wir uns in der Pause im Tiergarten treffen.“