3.4

Wolf, der mit ebensoviel Glück und aus ebenso egoistischen Motiven zum Journalismus gekommen war wie der gegenwärtige Kanzler in die Politik, allerdings mit entschieden mehr Talent, spielte, wie Mann erkannte, inzwischen mit Vorliebe die Rolle eines seltsamen Zwischendenkers, halb geistig, halb seiden.

Mühelos glitten ihm im Halbstunden-Rhythmus lange und gewundene Sentenzen über die Lippen wie: „Ich bin kein Intellektueller. Aber du wirst es nicht als Arroganz oder Selbstbeweihräucherung missverstehen, wenn ich dir gestehe, dass ich durchaus einmal einer war. Indes …“ – an Stellen wie diesen legte er regelmäßig eine kleine dramatische Pause ein – „…ich fand es fürchterlich langweilig. Nicht so sehr übrigens, ein Intellektueller zu sein; oh, nein, langweilig ist vor allem der ständige Umgang mit anderen Exemplaren dieser Spezies. Sterbenslangweilig. Besser, sagte ich mir deshalb, besser, du hörst auf damit. Was übrigens gar nicht so einfach war.“

„Sich den ganzen Tag über dumm zu stellen?“ fragte Mann. „Ist es das, was dir dein horrendes Einkommen garantiert?“

„Du hast es nötig.“ Wurde er angegriffen, fiel Wolf sofort aus seiner jeweiligen Rolle, daran hatte sich nichts geändert. „Dein neuer Job trägt ja wohl auch nicht gerade zur Humanisierung der Arbeitswelt bei!“

„Wenn ich ihn antrete …“

„Damit hätten wir allerdings rechnen müssen.“

„Wer ist wir?“

„Wir alle, bei denen du seit Jahren herumschnorrst und die wir dich nun endlich untergebracht wähnten.“

Aber es wurde doch ein schöner Nachmittag und, auf Wolfs Einladung, ein noch amüsanterer Abend bei einem teuren In-Franzosen, wo der halbe „Stern“ und der halbe „Spiegel“ und ein Haufen anderer Großverdiener aus Werbung und Schlagerbusiness herumhockten, um übereinander zu klatschen, zu intrigieren und Übergewicht anzusammeln.