3.5

„Mit dem Tod Ihres Bruders habe ich nicht das geringste zu tun“, hörte er seine Stimme schuldbewusst sagen. Hilflos. Es klang wie ein Geständnis. Letzter Fluchtversuch eines lahmen, waidwunden Tieres.

„Kelling war nicht mein Bruder.“ Irene Hexter lächelte.

„Dann eben Halbbruder.“ Er schrie es fast. Die Spitzfindigkeit der Alten ließ Harry Manns leerlaufende Verzweiflung in blinde Wut umschlagen. Und ihr Grinsen sah auch nicht klüger aus als seins.

Die Limousine überquerte die Brücke über die Stadtautobahn. Links und rechts vor ihnen lagen die Hallen des Großmarkts. Der Punkie fuhr die Beusselstraße geradeaus in Richtung City.

„Auch das nicht“, sagte Irene Hexter. „Unsere Geschäfte verlangten eine unauffällige Abwicklung. Verwandtschaft bot die beste Erklärung für den regelmäßigen Kontakt zwischen Kelling und mir. Halbbruder war perfekt – zwei Mütter, ein Vater, gegen die Behauptung helfen keine amtlichen Papiere. Über zwanzig Jahre ging alles picobello. Bis Sie auftauchten und Kelling ermordeten, im denkbar ungünstigsten Moment.“

„Warum sollte ich so was getan haben?“

Irene Hexter sah weg, wieder hinaus in die Regendämmerung. Die Leuchtreklamen der Läden brachen sich in den winzigen Wassertropfen auf den Seitenscheiben.

„Ja, warum? Wer wird von sich behaupten, er wisse genau, warum und weshalb?“ sagte sie im Tonfall einer religiösen Debatte. „Gründe, zu töten, gibt es viele auf der Welt, entschieden mehr als Morde.“

„Halten Sie mich für schräg gewickelt?“ fragte er. Er stand mit dem Rücken zur Wand und musste sich umdrehen und kämpfen, auch auf die Gefahr hin, sich dabei in die eigenen Zehen zu schießen. „Nackter Wahnsinn?“ setzte er nach. „Vatermord? Bin ich ein Triebtäter, der auf alte Männer steht?“