3.6

Als Harry Mann auf dem Abenteuerspielplatz schräg gegenüber der Philharmonie ankam, nieselte es wie schon den ganzen Tag und auch den Tag davor, und kaum ein Paar war erpicht auf Liebesspiele. Selbst die Nutten und die Fixer hatten das neblige Terrain geräumt. Er wartete im Schatten des hinteren der beiden hölzernen Wehrtürmchen. Vor ihm ragten, auf zwei sanfte Hügel verteilt, ein halbes Dutzend weiterer Geräte in die Dunkelheit, die meisten Galgen ziemlich ähnlich und zur Rekrutenschulung bestens geeignet: zwei Schaukeln, zwei Rutschen, ein Kabelgleiter und diverse Klettergebilde, von denen ihre Erbauer wohl annahmen, dass sie Kinderherzen und Kinderkörper erfreuen müssten. Dreißig, vierzig Meter weiter, nur halb verborgen von den Blättern der Bäume, glitzerte die chinoise Knittermoderne Scharouns in ihrem Abendkleid aus nassem Licht.

Nach einer Weile zündete er ein Streichholz an und leuchtete ins Innere des Kletterturms. „Meskalin, Hasch, LSD-Kiki und Koks-Ela sind heute total clean“, stand da: „Ein Wunder ist geschehen, würde Werner sagen.“

Als das Streichholz ausgebrannt war, brauchten seine Augen einen Augenblick, um sich wieder an die Dunkelheit zu gewöhnen. So sah er Gal zum ersten Mal als Witwe.

Sie kam von der Tiergarten-Seite her, aus Richtung Bellevueallee. Am Abzweig zu dem Spielplatz zögerte sie. Sie trug weiße Turnschuhe und einen weißen Trenchcoat, unter dem ihr langes Abendkleid einige Zentimeter vorschaute. In der linken Hand hielt sie eine Plastiktüte, etwas Ähnliches hatte sie als Regenschutz über ihre Haare gestülpt. Sie schaute ein wenig grotesk aus, aber sehr gut und sehr zufrieden mit sich selbst.

Gut eingefädelt, dachte er, und es gab ihm einen tieferen Stich, als es sollte. Immerhin war er hinter ihrem Ohr her.