3.7

Von dem Fenster des griechischen Lokals aus sah man auf das Gewerkschaftshaus. An der Fassade hingen weiße Laken, auf denen stand: „Kürzere Arbeitszeit – um länger zu leben“. Aus Harry Manns Perspektive hingen die Parolen direkt hinter Gals Kopf. Während des gesamten Abendessens musste er darauf starren: „Kürzere Arbeitszeit – um länger zu leben“.

In diesem Punkt stimmte er mit den alten Genossen von einst, mit den Sauerkrautbärten, die derweil in der Verwaltung aller linken Praxis die stumpfen Federn führten, vollkommen überein. Egal, was die damit meinten und was er sich dabei dachte, so ein Spruch spendete Trost und Abwechslung. Und beides brauchte er dringend. Denn spannend war an seinem ersten nichtsexuellen Kontakt mit der schönen Gallathea lediglich, wie wenig sie und er sich zu sagen hatten.

Daran, dass einer von ihnen zu dumm für eine ordentliche Unterhaltung war, lag es gewiss nicht. Im Gegenteil, beide waren sie klug genug, um schon nach einigen missverstandenen Sätzen zu erkennen, dass sie zu viele Jahre zu verschieden gelebt hatten, um einander nicht sehr fremd zu sein. Also hielten sie sich, angewiesen, wie sie aufeinander waren, vorsichtig zurück; wobei Gal, nach Manns Ansicht, dabei erheblich zuviel des Guten tat. Lebendig wurde ihr tristes Abendmahl nur, wenn sie noch einmal und noch einmal ihre Attacke auf Irene Hexter besprachen.

Beide, so schien es Mann, waren sie erleichtert, als die Zeit zu gehen, endlich gekommen war.

Von der Joachimsthaler waren es nur ein paar Minuten zu Fuß zum Kempinski. Gal ging den kürzesten Weg voraus, am Kranzlerrund links den Ku’damm hinunter, während Mann einen kurzen Abstecher geradeaus in Richtung Bahnhof Zoo machte, um ein Döner Kebab zu erwerben. Den Istanbuler ließ er sich in Alufolie einwickeln und verstaute das Päckchen in seiner linken Manteltasche.