3.7

Fünf Minuten später stand er am Ku’damm, ein kurzes Stück vor der Ecke zur Fasanenstraße. Er zögerte weiterzugehen. Es regnete wieder stärker, die Temperatur war seit dem frühen Abend um einige Grade gefallen. Nachdem tagelang ein übertriebener Sommer geherrscht hatte, war es nun zu kalt für die Jahreszeit, so kalt, dass er seine blau gefrorenen Finger in den tiefen Taschen des Mantels wärmen musste. Während seine linke Hand die weiche, erkaltende Hitze des Döner Kebab spürte, ruhte die rechte an dem glatten Plastikgriff des Fleischmessers. Noch konnte er zurück.

Aber wohin? Zurück in seine vergammelte Hinterhofwohnung, zurück zu den erbärmlichen Einschränkungen und zu den Almosen, die ihm Peter regelmäßig zukommen ließ? Der einzige Weg zurück, den er hätte ertragen können, der Ausweg zurück in die Unschuld, den gab es nicht mehr, der war ihm versperrt, auf immer.

Auf immer, pah, was hieß das schon!

Harry Mann sah im Spiegel der Boutique, vor deren Schaufenster er stand, wie sein schmaler Mund sich hinter dem Bart zu einem Grinsen verzog. Den Teufel kam’s drauf an. Schon morgen konnte er sterben, weil das Flugzeug nach Hamburg abstürzte; oder weil er Krebs bekam oder sonst was. Diese verrückte Sucht nach Ewigkeit, diese vergessliche Illusion der Unsterblichkeit, die die Leute dazu verführte, ehrlich zu bleiben und Bausparverträge abzuschließen und Beamter auf Lebenszeit zu werden, als könnte nicht gerade diese Lebenszeit im nächsten Augenblick schon vorbei sein!

Was also sollte ihm passieren, was ihm nicht bereits passieren konnte, wenn er jetzt die Straße überquerte? Er gab sich einen Ruck.

Vor ihm lag das Kempinski, ein leicht golden schimmernder Klotz aus der geschmacklosen Wiederaufbauzeit, als die degradierten Großdeutschen sich nach funkelnagelneuer Enge und überschaubarer Gemütlichkeit sehnten und als der selbstvergessene Zeitgeist verlangte, noch von der spärlichen Zahl alter Häuser, die den Krieg halbwegs heil überstanden hatten, den Stuck abzumodernisieren und die Decken der hohen Räume niedriger zu ziehen. Wie ein dergestalt demoliertes Grand Hotel sah das Kempinski aus.