3.7

Plötzlich stellte er sich vor, wie es wäre, wenn er beim Einchecken durchsucht würde. Als erstes warf er das Kebab-Päckchen mit den beiden Messern in den nächsten Müllcontainer. Wenig später überquerte er die Lietzenburger Straße und lief weiter geradeaus zur Tauentzien.

Seit Jahren war er nicht mehr soviel zu Fuß gegangen, seine Beine schmerzten, und er spürte, wie sich am linken Ballen die erste Blase bildete. Was sollte er mit dem wattierten Umschlag anfangen? Waren Geldscheine auf dem Sichtgerät, mit dem das Handgepäck der Fluggäste kontrolliert wurde, zu erkennen? Er hatte keine Ahnung.

Horden leerer Taxis jagten in Richtung Ku’damm vorbei. Die Straßen in der Innenstadt waren immer noch voller Menschen, Wessie-Touristen zumeist, die in der Halbstadt der totalen Sünde vergeblich ihr Vergnügen suchten.

Mann überquerte den Breitscheidplatz und dort, wo der Autotunnel endete, die Budapester Straße und den Platz vor dem Bahnhof Zoo und ging durch die fahl erleuchtete Bahnhofshalle zum Nachtpostamt. Wären da nicht die patrouillierenden Bahnpolizisten in ihren DDR-Uniformen gewesen, nichts hätte das Gefühl gestört, durch ein Abrissgebäude zu laufen.

Der Schalterraum war menschenleer und voller Dreck. Nur ein Schalter war besetzt. Der Beamte starrte stier vor sich hin.

Mann trat an das am weitesten entfernte Pult und zog den Umschlag aus der Plastiktüte, um ihn zu adressieren. Als Absender gab er Peter an. Sicher war sicher. Bei der Anschrift zögerte er. Es war nicht ungefährlich, den Brief an sich selbst zu schicken. Vier Leute hatten sich am Freitagabend vor einer Woche zu einem Essen getroffen. Rudolf Kelling war zwei Tage später ermordet worden, nun Irene Hexter mit ihrem Punkie; und wenn dieser Hilfskommissar auch bekloppt war, selbst ihm musste da ein Zusammenhang auffallen.

Wie sollte Mann wissen, ob er am Montagmorgen seine Post noch allein in Empfang nehmen würde?

Andererseits, wem vertraute er schon so sehr, dass er ihm einhunderttausend Mark schicken konnte – und damit mehr oder weniger das Eingeständnis eines Mordes?

Einen Augenblick wusste er nicht weiter. Dann fiel ihm eine Adresse ein: Harry Mann, c/o Wolf Reym, Schloßallee 12, 2000 Hamburg 13.