5.2

Ein Lied ging zu Ende. Er meinte zu ahnen, was die Jungs von „KLSX“ jetzt spielen würden. Das Schönste am Rock‘n’Roll war ja, dass man in den Songs immer die Antwort auf die Fragen fand, die einen gerade beschäftigten. Allemal informativer als die Bibel, mit der er es als Konfirmand versucht hatte. Doch dann hallte aus dem Autoradio etwas ganz anderes, als er erwartet hatte, das metallische Geräusch einer Registrierkasse, gefolgt vom harten Einsatz einer Gitarre: „Money is a crime, it’s the root of all evil today …“

Ein bisschen reichlich. Die Wanne voll Licht und Sehnsucht hatte seinem Körper einen wohligen Schock versetzt, und der kippte jetzt um in wilde Euphorie.

An der Kreuzung La Cienega mit Rodeo musste er vor der roten Ampel halten. Links warb „Nix Check Cashing“, rechts „Margo’s Beauty Supplies“. Was er sah, bedeutete zuviel. Zu plump, zu unanständig, zu direkt. Einfach schamlos, wie es nur Träume sein können.

„I don’t know“, sang dazu ein jugendlicher Delinquent in gequetschtem Tenor, „I was really drunk at that time.“

Mann schaltete das Radio ab. Einen Moment später drehte er es wieder an, doch da liefen schon die Doors: „When you’re strange, nobody knows your name …“ Sie spielten laut, lauter als je zuvor, und La Cienega wurde mit jeder Ampel belebter. Harry Mann sang mit, laut und falsch, und trommelte mit den Händen auf dem Lenkrad dazu den Rhythmus.

Alles, was er achtunddreißig Jahre lang gewesen war, drohte aus den Fugen zu geraten. Er hatte drei Menschen getötet und war zum Dank in einem fremden Land gestrandet, mit ein paar hundert Dollar in der Tasche. Aber es ging ihm großartig. Verkatert und halbnüchtern, wie er war, machte ihn diese Stadt total high. Die grellen Leuchtreklamen hämmerten auf seine müden Augen ein, sie waren superblau und grellgrün, totalpink und blendendgelb, und sie waren groß, sehr groß, riesig groß, und sie bewegten sich, sie tanzten und flimmerten und ließen ihr Licht in Kreisen tanzen.

Der Weg aus Europa hatte ihn eine Nacht verlieren lassen, dieser Westen am Rande der Welt raubte ihm den Verstand.

Ein Stück weiter, irgendwo nach Melrose, musste er anhalten und die Augen schließen. Dahinter war das Nichts.