5.4

Harry Mann schloss die Augen und versuchte nachzudenken. Der Lärm des unablässigen Verkehrsstroms auf dem Sunset Boulevard kam hier oben in ruhigen gleichmäßigen Wellen an, die ihn an Meeresrauschen erinnerten. Irgendwo knallte scheppernd ein Fenster, dann dumpfer eine Tür. Am Pool johlten die Kinder britischer Rockstars; die dazugehörigen Erwachsenen erweckten jedenfalls den aggressiv-versoffenen Eindruck, als hätten auch sie sich aus Londoner Vororten hierher gekreischt. Mann konnte Kinder nicht leiden. Wer kleine Kinder und Hunde hasst, kann nicht ganz schlecht sein; er wusste nicht mehr, in welchem Film er den Satz mal gehört hatte. Für beide Sorten von Lebewesen brachte er einfach nicht die nötige Geduld auf. Und heute war er besonders ungeduldig.

Was immer der Erpresser verlangen würde, diese Sache musste so schnell wie möglich beendet werden, und Mann musste dabei die Augen offen halten nach einer Spur, die ihn zu der „Stimme“ führen könnte. Solange er sie nicht zum Schweigen gebracht hatte, für immer zum Schweigen, würden die Drohungen des Erpressers zwischen ihm und dem guten Leben stehen, das er in den vergangenen beiden Tagen mehr denn je schätzen gelernt hatte.

Die grelle kalifornische Sonne verschmorte allmählich sein helles Fleisch. Im Innern der Suite spülte die Mexikanerin das knappe Dutzend Gläser, das sich in den letzten vierundzwanzig Stunden angesammelt hatte. Die Bewegungen des dürren Wesens waren ruckartig. So erotisch, dachte er, wie eine Melkmaschine. Er schätzte die Frau auf Ende Zwanzig. Sie machte den Eindruck, als habe sie etwas verpasst, den Zeitpunkt zum Beispiel, an dem sie ihrer eigenen Ansicht nach hätte glücklich sein müssen.

Mann starrte wieder auf ihre sorgfältig enthaarten Waden. Wenn er ehrlich war zu sich selbst, reizten sie ihn ebenso wenig wie der trübe Sunset Boulevard, dessen mythisches Pflaster unter dem Straßenverkehr erstickte.