5.5

Die Kunststudentin kam zurück. Mann orderte brav seine „Manicotti“. Der Beschreibung zufolge handelte es sich dabei um Spinatcrepes, gefüllt mit Ricotta und Parmesan und serviert mit einer Soße aus Meeresfrüchten. Dazu bestellte er ein Glas Fumé Blanc. Die nächste halbe Stunde hatte er nichts zu tun, als zu warten und herumzuraten, wer dieser Bill sein mochte.

Auf dem Ocean Walk tänzelte ein Eisbart vorbei. Der schmale, kleine Mann war weit über Siebzig. Er trug eine verwaschene Blue Jeans, die mindestens zwanzig Zentimeter zu kurz war. Darunter und darüber wandelte er nackt unter den Menschen. Sein Oberkörper war sonnengebräunt und muskulöser, als es Harry Manns Torso je sein würde. Supermann auf Rente, unterwegs als Dreifünftel-Sisyphos: Nach genau fünf Schritten vorwärts machte er stets zwei Schritte zurück.

Ein paar Meter weiter, der Bay City Synagoge gegenüber, hockte eine biedere Frau Anfang Vierzig auf einem Campingstuhl und annoncierte Handlesen. Und in weiter Ferne, hinter dem überbreiten Sandband, glitzerte der friedliche Ozean, als ginge ihn das alles nichts an.

Mann schaute nach rechts. Die La Palma Road war eine schmale Fußgängergasse, die vom Strand aus sanft anstieg, bis hin zur Pacific Avenue. Ungefähr zwanzig Meter hinter dem „Treefrog’s“ kreuzte sie den Speedway. Direkt an der Ecke stand ein funkelnagelneues Gebäude, ein klobiges Meisterwerk aus postmodernen Betonstrukturen. Dahinter begann ein älteres Wohnviertel, dessen verwitterte Holzhäuser im Schatten majestätischer Bäume dahindämmerten. Ihr Stil war Wegwerf-Süden. Nach einem halben Jahrhundert verfiel Venice, USA, bereits allemal so charmant wie Bella Venezia, Italien, nach einem halben Jahrtausend. Die Halbwertszeit für Städte lag in Kalifornien augenscheinlich erheblich kürzer als in der Alten Welt.