6 Venice sehen…

Gegen halb fünf traten zwei Frauen und ein silberschopfiger Mann aus dem postmodernen Gebäude – die drei Personen, die das Polaroidfoto zeigte. Und wie sie ihr Luxusheim verließen! Die Familie rückte in Shorts aus; in Shorts mit Sandalen und Wollstrümpfen! Witterten sie irgendwo Süden, wurden die feinen Leute bieder wie die Kröten.

Die drei marschierten am „Treefrog’s Café“ vorbei, rechts in den Ocean Front Walk.

Dankbar für die amerikanische Unsitte, dem Gast unmittelbar, nachdem er den letzten Bissen verschluckt hat, die Rechnung hinzuschieben, legte Harry Mann fünfundzwanzig Dollar auf den Tisch und folgte seinen Opfern.

Am Beach-Parking bestieg die Familie das bei weitem auffälligste Gefährt, einen geschmacklos goldenen Rolls Royce. Mann fragte sich, warum der Wagen nicht in der Garage des Hauses abgestellt war. Wohnten die drei gar nicht in dem weißen Bunker?

Der Rolls bog links in die Pacific Avenue und rollte gemächlich mit dreißig Meilen dahin. Ihm zu folgen war leicht. Harry Mann hielt mehrere Wagen Abstand und versuchte, sich die Straßenführung einzuprägen. Kurz hinter Pico Boulevard ging eine Abfahrt nach links zum Pacific Coast Highway hinunter, dessen überbreites Betonband endlos lang parallel zum endlos breiten Strand verlief.

Alles war in diesem Land größer, zu groß. Selbst der blaue wolkenlose Himmel schien höher als in Europa.

Zwanzig Minuten später hatten die beiden Wagen Malibu erreicht. Die schäbigen Rückfronten der teuersten Villen auf Gottes weiter Erde trennten jetzt Highway und Strand. Viele der Häuser machten einen verlassenen Eindruck.

Gegen halb sechs hielt der Rolls an einem Fast-Food-Deli, und das blonde Mädchen verschwand für ein paar Minuten, um mit zwei braunen Papiertüten wieder aufzutauchen. Weiter ging es, gemächlich immer geradeaus, hinein in die noch hochstehende Abendsonne.

Mit jeder weiteren Meile veränderte sich das Verhältnis von Beton und Landschaft zugunsten der kahlen Felsen. Bald fuhren zwischen dem goldfarbenen Rolls und dem dunkelblauen Nova nur noch wenige Wagen, und Harry Mann vergrößerte seinen Abstand.

Eine halbe Stunde später, an der Zufahrt zu einem Strand, bremste der Rolls ab und rollte ihm Schritt-Tempo weiter. Er schien an seinem Ziel angekommen.

Harry Mann war inzwischen gut dreihundert Meter zurückgefallen und hielt oben auf der Anhöhe hinter dem Rest eines Felsens, durch den man die Zufahrt in die Bucht gesprengt hatte. Von hier aus führte der Highway in einer sanften Kurve hinunter, bis er ziemlich genau in der Mitte der Senke den tiefsten Punkt erreichte. Danach stieg er im Halbkreis erneut an, um eine gute Meile weiter durch eine zweite künstliche Schlucht wieder hinauszuführen.

Der Rolls war an diesem tiefsten Punkt angelangt. An ihm gab es zwei Abzweige, einer endete rechts an der Zufahrt zu einem geschlossenen Campinggelände, das hinter einem dichten Wäldchen verborgen lag, und ein zweiter ging nach links ein weiteres Stück hinunter zu einem Parkplatz, der am Strand im Schatten einiger Palmen, Pinien und Sykomoren angelegt war.