6 Venice sehen…

Mann folgte ihnen auf der Straße im Schutz der Hecken. Die untergehende Sonne hing halbhoch über dem Pazifik und warf gelbes Licht auf die braunen Felsen hinter ihm. Wind war aufgekommen und trieb frische feuchte Seeluft ins Land. Sie blieb an der Haut kleben, und es wurde endlich ein wenig kühler. Kurz vor dem höchsten Punkt der Bucht, an dem sie der Highway in einer weiten Kurve durch die Felsen geführt hatte, fand Mann den perfekten Aussichtspunkt.

Im Sucher verfolgte er, wie die Waden der Frau, von den weißen Wollsöckchen nur zur Hälfte bedeckt, sich über den hohen Absätzen der Sandalen spannten. Sie ging nicht gerade elegant, aber entschlossen. Weder ihr noch ihrem Mann sah man von weitem Unsicherheit an, doch in der Vergrößerung des Zooms waren ihre unbehaglichen Blicke deutlich zu erkennen.

Sie lebten ein Leben auf Abruf, und sein Gefühl sagte ihm, dass zumindest eine der Personen darauf wartete, dass etwas geschehen würde. Er musste es hinter sich bringen. Das ausgestorbene Terrain gab die ideale Kulisse für einen Mord ab.

Als das Paar die Felsen am südlichen Ende des Strandes erreicht hatte, schauten die beiden zu dem blau gestrichenen, einstöckigen Holzgebäude, das versteckt in der äußersten Ecke der Bucht dicht bei der felsigen Straßenböschung stand, gut zehn Meter über dem Strandlevel und ebenso tief unter dem Level der Fahrbahn. Die Frau sagte etwas, und Silberschopf nickte zögernd. Hand in Hand kletterten sie hoch zu dem Haus, direkt hinein in den Sucher der Kamera.

Mann schwenkte fast automatisch nach rechts. „Life Guard Headquarters“ verkündete ein Schild im Fenster, und darunter „First Aid“, verziert mit zwei kleinen roten Kreuzen. Jetzt kam auch das Paar ins Bild. Die beiden stiegen die Stufen hoch zu der Holzveranda. Auf ihr verfaulten zwei weitere dieser hölzernen Tisch-Bank-Kombinationen. Überall lagen verrostete Bierdosen herum, leere Flaschen, bunt bedruckte Styroporverpackungen von Fast-Food und ein Haufen anderer Zivilisationsmüll, den Mann im Sucher der Kamera nicht identifizieren konnte. Neben der grauen Mülltonne lehnte wie zum Hohn ein unbenutzter Besen an der Wand.

Das Paar setzte sich. Die Frau zeigte auf den dunstigen Ball der Sonne und dann links auf den strahlendblauen Himmel, an dem schon die weiße Halbkugel des Mondes erschien. Silberschopf langweilte sich sichtlich. Seine Frau sah sich suchend um. Einen Augenblick ruhte ihr Blick auf einer Stelle, die etwas tiefer lag als die Terrasse. Dann ergriff sie die Hand ihres Mannes und küsste sie.

Mann folgte der Richtung des Blickes. Wenn er richtig schätzte, hatte die Frau zu einem geschützten Platz zwischen der Wand des Hauses und der Wand der Felsen gesehen. Dort lehnte die überdimensionale Rücksitzbank eines Straßenkreuzers. Sie war aus hellbraunem zerschlissenen Velours. Er wollte die Kamera gerade sinken lassen, als das Paar wieder ins Bild kam. Silberschopf bewegte sich plump, die Frau eher hastig und dabei sehr gewandt. Die beiden umarmten sich. Als die Frau direkt in Manns Augen zu schauen schien, fühlte er sich ertappt und schwenkte fluchtartig die Kamera.

Die tiefsten Strahlen der Abendsonne fingen sich in den weiten Maschen eines Volleyballnetzes, das zerrissen im Sand verrottete.

Ein Stück höher und der Sucher erfasste die Tochter, die vier-, fünfhundert Meter entfernt die Wasserlinie entlanglief, fast nachdenklich, Sandalen und Strümpfe in der Hand.

Sie war ein ziemlich großes blondes Mädchen von fünfzehn oder sechzehn Jahren. Sie trug ein graues T-Shirt mit der unsinnigen Aufschrift „Def Leppard“, und darunter standen zwei straffe Brüste fast unbeweglich. Die Haut ihrer Schenkel leuchtete rosig.

Rosiger, dachte Harry Mann, als Blondies Zukunft je sein würde. Er kämpfte mit der Versuchung, die Kamera einzuschalten. Allein die Vorstellung, dass er sich die Kassette im reformierten Strafvollzug etwa so viele Jahre lang würde ansehen können, wie das Mädchen alt war, ließ ihn darauf verzichten. Stattdessen schwenkte er zurück in Richtung der Eltern.

Was er sah, überraschte ihn. Die Frau lächelte süßlich wie eine Berliner Straßenhure. Dann sagte sie irgendetwas und begann, an den Shorts ihres Mannes herumzunesteln. Es war wie in einem schlechten Stummfilm. Silberschopf machte sich mit wenig Begeisterung an der Bluse seiner Angetrauten zu schaffen. Vor einigen Jahren und vielen Kiloschachteln Konfekt hatte er sie gewiss für eine üppige Schönheit gehalten. Jetzt stellte er sich so ungeschickt wie möglich an, und seine enttäuschte Frau zog dazu das Gesicht einer Krankenschwester, die sich mit Genehmigung des Oberarztes selbst ein Klistier bereiten darf.

Plötzlich meinte Mann zu verstehen, wem an diesem Mord soviel gelegen sein könnte.

Nach einigem Umstand hatte Silberschopf seine Shorts auf die Höhe seiner Kniestrümpfe gebracht, und das Paar drückte sich ungelenk auf die vergammelte Rücksitzbank. Als das Vergnügen der beiden richtig begann, tastete Mann nach dem Messer in seiner Jackettasche und spielte kurz mit dem Gedanken an ein Gemetzel. Er hasste die Lust der beiden. Sie war zweitklassig. Hätte er das Geld dieses Mannes – und Silberschopf musste Geld haben, um sich den poppigen Rolls leisten zu können –, er wüsste Besseres, als sich an einem kahlen, verlassenen Strand lustlos vergewaltigen zu lassen.

Ohne den Zoom zu verändern, starrte Mann weiter auf die beiden Körper. Ein Haufen schlechter, spannender Filme ging ihm durch den Kopf: Er war ein Teil der beiden dort auf dem Betonboden, er war wie ihre Liebe, denn er brachte den Tod.

Bei diesem Gedanken kroch eine Gänsehaut seinen Rücken hinunter. Gewiss, er schämte sich seiner fatalen Neigung zu sentimentalen Geschichten, aber Schämen half da nicht.