6.3

Mann sah sich um. Eine Mini-Bar gab es nicht. In der Kochnische stand ein gigantischer Kühlschrank, den sie im Märkischen Viertel als Kinderzimmer vermietet hätten. Er war leer.

„Sieht schlecht aus“, sagte Mann.

„Ich hole uns von vorne was zu trinken“, sagte Gal. Sie stand auf und ließ das weite Gewand wieder an ihrem Körper herunterrutschen. „Geh du schon mal duschen. Ich will einen sauberen Mann.“

Bei ihren ersten beiden Begegnungen war Gal sein hygienischer Zustand noch gleichgültig gewesen. Gern hätte er ihr Verhalten als Normalisierung ihrer Beziehung genommen. Tour und Tonfall allerdings erinnerten ihn an Kati. Bevor er noch überlegen konnte, ob es sich bei diesem Waschzwang, den die Frauen plötzlich auf ihn ausübten, um eine hilflose Abwehrmaßnahme gegen die neuartigen Gefahren handelte, die von männlichen Körperflüssigkeiten drohten, kam Gal schon auf ihn zu und gab ihm einen tiefen Kuss.

Bereitwillig verfügte er sich daraufhin ins Badezimmer, das insofern perfekt war, als an der Dusche ein Telefon hing und vor der Badewanne ein kleiner Fernseher stand.

Fünf Minuten später lag Harry Mann nackt auf dem Bett und war zu allem bereit.

Gal war noch nicht zurück.

Er dachte an ihre erste Nacht. Und an den Tag danach. Da war wieder die Frage, die ihm schon lange nicht aus dem Kopf ging: Was hatte Kelling wohl sagen wollen, die vielen Stunden, die er hinter seinem Knebel gestammelt hatte? Hätte Mann damals dem Alten zugehört, vielleicht hätte er erfahren, was hinter allem steckte, und vielleicht wäre es dann zu all dem Morden gar nicht mehr gekommen. Wofür er jetzt einiges gegeben hätte …

Die Klimaanlage brummte und stieß kühle, trockene Luft aus. Draußen färbte der letzte Rest Sonne den Abend blutrot. Gal war schon über eine Viertelstunde fort. So schwer konnte es nicht sein, in einem Motel dieser Größe ein paar Dosen Bier aufzutun. Er fragte sich, was sie so lange draußen trieb …