6.4

In dem Raum brannte nur gedämpftes Licht. Es war das luxuriös eingerichtete Schlafgemach einer Frau. Über dem Stuhl neben der barocken Schminkkommode hing das ultramarinblaue Kleid mit den schwarzen Punkten, das Maria Schlosser heute Abend im „New Italy“ getragen hatte. Jetzt erkannte Mann den Duft: Die Luft in dem Zimmer war feucht und getränkt von dem Aroma des süßlichen Badezusatzes, den auch Peter benutzte. Wahrscheinlich war es einfach der teuerste auf dem Markt.

Aus der halboffenen Tür neben dem Bett drang ein leichtes Plätschern. Wenigstens sang die Frau nicht.

Harry Mann zögerte. Die Situation war ihm unangenehm. Bisher hatten seine Opfer keine nackten Körper besessen, keine nassen Schultern und von Schaum gezierte Achseln. Er überlegte, ob er warten sollte, dass Maria Schlosser ihr Bad beendete. Doch dann siegte seine Angst vor Entdeckung, vielleicht auch sein frischgebackener Professionalismus, jedenfalls stieß er die Tür auf und sagte artig und auf Deutsch:

„Entschuldigen Sie bitte vielmals, wir gehen einer Beschwerde nach …“

Mit einem langen Schritt und einem freundlichen Lächeln trat er auf die marmorne Badewanne zu. Die Verblüffung über diesen Unsinn hielt Frau Schlosser einen Augenblick zu lang vom Schreien ab. Der automatische Versuch, ihre Brust zu bedecken, den sie stattdessen unternahm, war angesichts seiner Absichten so passend wie Skigymnastik in der Karibik. Sekundenbruchteile später drückte die Klinge des Messer an ihre Kehle.

Diesmal würde er nicht wieder denselben Fehler begehen; diesmal würde er mit seinem Opfer sprechen, nach den Hintergründen forschen, die Frau erzählen lassen, was sie wusste.

„Bleiben Sie ruhig“, sagte er schnell, „und nichts wird Ihnen passieren.“

Maria Schlosser bewegte keinen Muskel. Selbst ihren Atem zog sie so vorsichtig ein, als müsse sie die Luft an der Klinge vorbeischmuggeln. Nach der ersten Schrecksekunde sackten ihre Hände herunter und verschwanden im Schaum des Badewassers.