6.5

Am nächsten Morgen gegen zehn Uhr saß Harry Mann frisch rasiert und frisch gebadet und sehr ungeduldig an einem der wackligen runden Tische des „Treefrog’s“, trank seinen zweiten Cappuccino und beobachtete abwechselnd die bunte Szene um das Café herum und den blau uniformierten Auflauf weiter hinten an der Ecke La Palma Road und Speedway.

Für einen unangenehmen Augenblick zogen zwei gedrungene, spätpubertierende Schönheiten mit langen dunklen Haaren, sehr mexikanischen Gesichtern und mit Beinen, die einem Mops zur Ehre gereicht hätten, seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie hatten sich untergehakt und flanierten sehnsüchtig dreinblickend an den Tischen des „Treefrog’s“ vorbei, wobei sie in einem fort einander an- und zukicherten. Gekleidet in eine extreme Spielart der Freizeit-Ungeheuerlichkeiten, die amerikanischen Minderjährigen zur zweiten Haut geworden waren, boten sie einen bemerkenswert jämmerlichen Anblick: schenkelkurze und himmelschreiend bunte Ballerinenröckchen, dazu weite grelle Blusen, die den reichlich vorhandenen Körper nur ahnen ließen. Der Aufzug wurde, den sommerlichen Temperaturen zum Trotz, von dicken, milchfarbenen Strumpfhosen komplettiert, deren oberes, verstärktes Ende unter den knappen Röcken immer wieder aufblitzte und deren unteres Ende in plumpen, gespritzten Plastikschuhen steckte.

Harry Mann schloss die Augen und spürte eine nie gekannte Sehnsucht, stilles Heimweh nach einem bundesdeutschen Babystrich. Als er die Augen wieder öffnete, waren die Schönheiten außer Sichtweite gewalzt.

Er wartete schon eine ganze Weile, und vielleicht machte zu langes Rumsitzen und Hoffen pervers. Einen Haufen Männer um die Fünfzig kannte er, die dafür den Beweis angetreten hatten. Aber er musste weiter warten. Die beiden überlebenden Schlossers waren seine erste Spur, seit die „Stimme“ begonnen hatte, ihm ihre Bedingungen zu diktieren. Eine leichenblasse Spur, streng bewacht von der bewaffneten Staatsmacht: Um den postmodernen Betonbunker an der Ecke La Palma Road und Speedway patrouillierten mehrere Streifenbeamte, und die Straße versperrten ein paar klapprige Gitter und zwei quergestellte Polizeifahrzeuge, deren rotgelbes Sirenenlicht sich lautlos drehte; ein Anblick, der Mann aus zahllosen Krimiserien wohl vertraut war, vertrauter als die Wirklichkeit, in der er sein Leben gelebt hatte.

Entlang der provisorischen Absperrung parkten die Übertragungskombis diverser lokaler Fernsehstationen. Die Reporter und ihre Kameramänner, das Warten augenscheinlich besser gewohnt als Mann, saßen auf Klappstühlen vor dem Eingang zu Schlossers Domizil herum, unterhielten sich und aßen und tranken unentwegt aus Plastikgefäßen. Es war eine entspannte Szene. Jedermann schien glücklich und zufrieden.

Nur Harry Mann fiel es schwer stillzusitzen. Seine Gedanken kreisten in wildem Leerlauf um die „Stimme“. Für ihn gab es keine Ruhe, ehe sein Erpresser nicht ein für allemal zum Schweigen gebracht war. Er wartete und starrte in Richtung Speedway.

Jeden Moment konnten Silberschopf und Bondie auftauchen. Sie würden aus dem Torgang des bombastischen Häuschens treten. In ihre Gesichter würde der schwere Verlust geschrieben sein, und gewiss würde die Trauer sie beugen. An ihren schauspielerischen Fähigkeiten zweifelte er ebenso wenig wie an der Tatsache, dass sie es waren, die den Mord in Auftrag gegeben hatten. Und deshalb mussten sie ihn zu dem Mann führen, der die „Stimme“ war. Also wartete er weiter.

Vier müßige Schönlinge stolzierten, vom Strand kommend, an der Terrasse des „Treefrogs’s“ vorbei und die La Palma Road hinauf. Er bestaunte die muskulösen braungebrannten Körper über den Rand der Kaffeetasse hinweg. In der Ferne hörte man heftiges Hupen und Sirenen sich nähern. Die Schönlinge trugen ihre kurzärmeligen Hemden an der Brust offen bis zum Nabel und waren in so knappe und so kurze Höschen geschlüpft, als gingen sie nur mal vom Bett zum Klo.

Gerade hatten sie den Speedway überquert, da raste eine Kolonne dunkler Limousinen heran, angeführt von zwei Polizisten auf schweren Motorrädern. Die Muskelmänner blieben wie angewurzelt stehen und wurden fast niedergetrampelt, als die Fernsehleute aufsprangen und im wilden Haufen den ankommenden Fahrzeugen entgegenstürmten. Im selben Augenblick setzten die Streifenwagen ein paar Meter zurück und gaben den Weg bis zu Schlossers Haus frei.

Die Kolonne hielt direkt an der Ecke Speedway und La Palma Road. Es waren zwei schwarze viertürige Lincoln-Limousinen und ein dunkelgrüner 200er Mercedes. Aus den Lincolns quoll ein halbes Dutzend Männer in dunkelgrauen Anzügen. Einige hielten Pistolen im Anschlag und sicherten die Straße.

Neben Manns Tisch stand der Kellner mit offenem Mund. Die meisten Gäste des Cafés sprangen auf. Auch das Lärmen der Faulenzer auf dem Ocean Front Walk verstummte.

Erst jetzt stiegen drei weitere Männer in dunklen Anzügen aus dem Mercedes und verschwanden in dem Gebäude. Der Rest des Trupps folgte ihnen.

Die Fahrzeugkolonne rollte wieder zurück in Richtung Rose Avenue. Am Tatort blieben nur die Streifenwagen. Sie fuhren vor und sperrten den Speedway erneut ab.

Unter den Müßiggängern setzte ein Schreien und Debattieren ein, das alles Dagewesene übertraf. Jeder brabbelte auf den anderen ein, niemand hörte zu, dazu dröhnten konkurrierende Ghettoblaster, und Harry Mann verstand kein Wort außer „FBI“.

Stimmte wahrscheinlich, dachte er. Die kamen, weil das Opfer eine Ausländerin war, eine reiche zudem. Und genauso, wie sie gekommen waren, würden sie auch wieder verschwinden: aufwendig und routiniert.

Sein Blick schweifte über die plastikbunte Szenerie. Die Schönheiten dieses künstlichen Venedigs konnten ihm nichts anhaben. Die Amerikaner allerdings. Sie verhielten sich haargenau so kindisch, wie seine Eltern es von den Besatzer-Amis schon immer behauptet hatten: Sie kauten im Gehen, Stehen und Liegen und wackelten unentwegt mit Händen und Füßen, wobei sie ihre Körper seekrank wiegten; sie zogen sich geschmacklos an, litten zur guten Hälfte unter maßlosem Übergewicht, lärmten lautstark und waren überhaupt vulgär.

Im Grunde also benahmen sie sich, erkannte Mann und musste lächeln, wie die Deutschen im südlichen Ausland, wie die Wessies jedenfalls. Breitärschig und gedankenlos, eine nur sich selbst bewusste Internationale aller Wohlständigen. Alle gleich und alles gleich. So fand denn auch sein Auge in ganz Venice nichts, das ihm gefiel. Nichts, das besser gewesen wäre als die Attraktionen, die eine x-beliebige deutsche Fußgängerzone zu bieten hatte. Und die langweilten ihn ebenfalls, solange es sie gab.

Harry Mann hatte es satt. Venice, Kalifornien, das Warten, alles, was er seit jenem Abend vor drei Wochen trieb und wozu er getrieben wurde. An seiner Unzufriedenheit ließ sich ebenso wenig rütteln wie an der Vertreibung aus dem Paradies. Und trotz allem sehnte er sich danach, allein mit Gal zu sein.

Er blickte auf seine Armbanduhr. Es ging auf elf. Die beiden Schlossers hatten ihre postmoderne Burg noch immer nicht verlassen. Der billige Plastikstuhl, den der Inhaber des „Treefrog’s“ seinen Gästen zumutete, bereitete ihm allmählich Schwielen am Hintern. In zehn Minuten, beschloss er, würde er den Standort wechseln. Er legte fünf Dollar auf den Teller mit der Rechnung und schob die Untertasse darüber, um den Geldschein vor dem leichten Wind zu schützen, der vom Meer her in die schmale Gasse der La Palma Road fegte.

Auf dem Ocean Front Walk walzten wieder die zwei mopsartigen Schönheiten in den milchfarbenen Strumpfhosen vorbei, nun in die entgegen gesetzte Richtung. In ihrem Gefolge befanden sich drei fiebrige Jünglinge, deren Blicke gebannt auf einen Punkt unterhalb der Gürtellinie gerichtet waren.

Harry Mann dachte an die Liebe der Lurche und stand auf. Es sah nach Regen aus. Aber das tat es seit Tagen immer mal wieder, und nie fiel ein Tropfen.

Er hatte erst ein paar Schritte getan, als in der Ferne erneut Hupen und Sirenen zu hören waren. Einige der parlierenden Nichtstuer riefen „Schscht“, die Freaks drehten ihre Ghettoblaster leiser, und die meisten Leute machten ein paar unschlüssige Bewegungen in Richtung Speedway.

Die Sirenen wurden lauter, und Mann beschloss, dichter an den Ort des Geschehens heranzugehen. So klug war fast jeder. In Sekundenschnelle entstand an der Absperrung vor Schlossers Haus ein infernalisches Gedränge, Geschrei und Gestoße.

Die Kolonne, bestehend diesmal aus nur einer schwarzen Limousine und dem dunkelgrüne Mercedes, bog um die Ecke, voran die beiden schweren Motorräder. Das Schauspiel von vorhin wiederholte sich, als hätte ein unsichtbarer Regisseur einen zweiten Versuch befohlen. Das einzig wirklich Neue waren die beiden Männer, die dem Mercedes entstiegen. Mann schätzte sie auf Anfang Vierzig, beide trugen blonde Bärte und braungebrannte Halbglatzen, beide steckten in Jeans und Lederjacken, und beide sahen verdammt nach Ruhrpott und Umgebung aus.

Harry Mann kannte die TV-Typologie: Wenn die Business-Anzüge vorhin FBI gewesen waren, dann kam jetzt das BKA. Obwohl das so schnell natürlich gar nicht möglich war, es sei denn, die Bullen reisten mit Lichtgeschwindigkeit. Oder hatten sie ihren Amtsschimmel schon vorher nach Los Angeles geritten, bereits vor dem Mord? Warum aber? Auf seiner Spur?

Paranoia. Wie gehabt.

Normal allerdings fanden nicht einmal die Penner von Venice das Theater, das hier wegen einer einzelnen Badewannenleiche veranstaltet wurde. So verhielten sich die Bullen nicht bei jedem Mord. Irgendetwas war los mit den Schlossers, irgend etwas, wovon Harry Mann keine Ahnung hatte.

Als weiter nichts geschah, löste sich die Menschenansammlung wieder auf. Mann überlegte, was aus seinem Warten werden sollte.

„Vergiss es“, sagte er zu sich selbst. „An die Schlossers kommst du nicht mehr ran.“

Allmählich wurde es zu gefährlich, noch länger hier herumzuhängen. Der Mexikaner namens Bill schien heute glücklicherweise frei zu haben. Aber gewiss würde es bei dem Aufwand an Menschen und Intelligenz nicht lange dauern, bis die Polizei von dem eigentümlichen Umschlag erfahren würde und von ihm, dem akzentbeladenen Fremden, der diesen Umschlag gestern abgeholt hatte. Eine Entfernung aus Venice schien ihm dringend geraten.

Mann ging zum Beach-Parking und löste seinen dunkelblauen Chevrolet Nova aus.

Als er durch die Schranke fuhr, kreuzte auf dem Ocean Front Walk ein jugendlicher Rasta-Müllmann seinen Weg. Er war in eine dreckige Decke mit arabischem Muster gehüllt und schob einen mit Abfall aller Arten überladenen Zweiradkarren vor sich her. Bereitwillig ließ Mann, schon ziemlich amerikanisiert, der wandernden Müllkippe den Vortritt. Sie bot ein Bild, das man so leicht nicht vergaß, eine Szene wie aus einem neorealistischen Trümmerfilm. Nur der Topf für milde Gaben, auf den an der Vorderseite des Karrens ein dicker metallener Pfeil hinwies, störte die soziale Idylle.

Bloß weg hier, dachte Mann. Er musste raus aus diesem Dauerfasching, diesem Südeuropaverschnitt, gebastelt aus Strandgut und bevölkert von Piraten und Goldgaleerensklaven und Künstlern, die sie malten. Für Wolf allerdings wäre die Venice-Scene ein gefundenes Fressen. Einen Essay erster Klasse könnte er darüber absondern, über Kulturverfall und US-Kommerz, vorzugsweise mit einem seiner holpernden Kalauer-Titel, die sie in der Pöseldorfer Kampfpresse so liebten: „Freizeit fressen Freiheit auf“ oder so ähnlich.

Als der pittoreske Müllmann sich endlich vorbeigeschleppt hatte, gab Mann ruckartig Gas und schoss die leichte Steigung der Rose Avenue hinauf. Kein Grund zur Fröhlichkeit eigentlich. Angebrachter war Verzweiflung. Die einzige Spur hatte er verloren. Er befand sich auf dem Rückzug, vielleicht schon auf der Flucht.

Einmal mehr war er der Verlierer. Niemand liebte Verlierer, er selbst am allerwenigsten. Und verloren auch war Gal, der einzige Mensch, den er liebte.

„Vergiss es, und vergiss sie, vergiss sie alle“, sagte er laut in die fröhliche Musik von „KLSX“, zu den Jungens, die wussten, was beim Rock‘n’Roll Sache war, und die ihm und allen anderen Hörer an diesem wunderbaren kalifornischen Mittwochvormittag nun Dylan’s „It ain’t me, babe“ brachten.

„Mein lieber Mann“, sagte er freundlich und freute sich daran, dass Dylan die Unfreundlichkeit selbst war, „mein lieber Mann, du kannst froh sein, wenn du dich da lebend rausziehst . Das ist keine gewöhnliche Geschichte. Da ist mehr drin, als du dir vorstellen kannst. Wahrscheinlich das große Geld.“

An der Pacific Avenue fädelte er sich in das alltägliche Verkehrschaos ein. Keine Ahnung, wie er jetzt an die „Stimme“ herankommen sollte. Außerdem war er so gut wie blank. Noch ein paar Tage länger in Los Angeles und er würde nicht einmal mehr imstande sein, die Hotelrechnung zu bezahlen.

Aber er musste bleiben.

Nur wenn er nicht tat, was die „Stimme“ verlangt hatte, wenn er nicht abreiste, bestand die kleine Hoffnung, dass der Erpresser sich sehr bald und nicht erst in ein paar Monaten wieder bei ihm meldete – und dabei endlich den entscheidenden Fehler beging.

Freiheit war Einsicht in die Notwendigkeit, hatte ihm Peter immer weismachen wollen. Dann war Freiheit jetzt Freizeit, Leerzeit, in der er nichts anderes tun konnte, als sich in seiner Luxussuite zu begraben, den Fernseher dudeln zu lassen und sich sanft zu besaufen.

Und zu warten.

Und zu hoffen.

Am nächsten Liquor Store hielt er an.

Der Laden war dekoriert wie ein Christbaum, bunt und grell und geschmacklos, und das erinnerte ihn an Silvester. Was für ein Scheißjahr es werden würde, hätte er sich schon vor neuneinhalb Monaten denken können, als er aus einem bekloppten Knallbonbon sein beklopptes Jahresmotto gezogen hatte:

„Wenn ich Sie noch einmal mit meiner Frau erwische, können Sie sie behalten.“

Sobald er jetzt daran dachte, hörte er Kellings Stammeln.

Einen Haufen Alkohol brauchte er.