7 Massaker

Er stand auf, holte sich eine dritte Flasche aus dem Kühlschrank und schaltete den Fernseher ein. Er war sicher, dass alle Sender ausführlich über den Mord an Maria Schlosser berichten würden. Die hiesigen Nachrichten waren die hohe Stunde der Lokalmatadore. Um nichts anderes hatten sich die Meldungen in den Tagen seit seiner Ankunft gedreht als heimische Waldbrände und unheimliche Sexualverbrechen, verstopfte Freeways und Korruption in der Stadtverwaltung von Los Angeles. Plus viel Sport und Wetter. Dazwischen gab es, gewissermaßen als Auslandsberichterstattung, sekundenlang das Neueste aus Washington oder New York. Entferntere Gebiete tauchten nicht auf. Nach einer Woche in Südkalifornien konnten einem begründete Zweifel kommen, ob die Alte Welt überhaupt je existiert hatte.

Ein mysteriöser Frauenmord aber musste die volle Aufmerksamkeit der Nachrichtenleute finden, auch wenn das Opfer nur eine Europäerin war. Geduldig quälte Mann sich also durch den Schwachsinn einer Comedy-Serie um drei liebliche Arzthelferinnen, die allesamt total sauber und total vollbusig waren, wobei mal der eine, mal der andere Umstand ihren Umgang mit den kalifornischen Männern erschwerte, bis es endlich vier Uhr wurde und die News-Show begann.

Was die Schlossers betraf, behielt Mann recht. Die Reportage aus der La Palma Road kam sogar als Aufmacher der Sendung. Eine sehr junge Reporterin, deren Vorfahren einst aus China an diese Küste verschlagen worden waren, hatte sich vor der Kulisse von Polizeiwagen und postmodernem Bunker postiert, sprach ein paar einleitende Sätze und begann ein hastiges Interview mit dem Pressesprecher der Polizei, einem braungebrannten Yuppie-Jüngling, der all seine Worte auf der Waagschale wog und jedes für gewichtig befand: Maria Schlosser, verkündete er, war nicht nur eine reiche Frau von achtundvierzig Jahren gewesen, als konservative Abgeordnete des „Bandistegs“ hatte sie auch eine wichtige Rolle in der politischen Szene von West Germany gespielt.