7.4

„Uhh“, sagte sie nach dem ersten Schluck. Sie begann, ihre Hand in sanften Kreisen zu bewegen, bis die Eiswürfel rhythmisch klingelten. Dabei starrte sie auf das Glas, als übe sie ein Kunststück, das besondere Konzentration erfordere.

„Sehen Sie, wir leben doch, ich meine drüben in der Bundesrepublik, in einer Gesellschaft der Ehrgeizlosen. Die meisten, die bei uns oben sitzen, haben nicht mal geglaubt, dass sie das erreichen würden, was sie heute sind. Mehr will da keiner werden, jedenfalls nicht viel mehr. Wäre nicht ratsam. Die meisten sind via Partei oder Gewerkschaft alle Treppen hoch gefallen, und wenn sie zu groß werden, hackt die Basis ihnen die Beine ab. In der Wirtschaft ist es nicht viel anders. Da setzt ‘ne Firma eine Millionenpleite hin, und ein halbes Jahr drauf sind alle Verantwortlichen avanciert, natürlich bei anderen Firmen. Persönliches Risiko geht niemand ein. Keiner spielt mit eigenem Geld. Keiner fällt tief. Das soziale Netz, die Wohlstandsversicherung der Verlierer und der Ehrgeizlosen, fängt sie alle auf.“

„Irre interessant“, sagte Mann, der geduldig zugehört hatte, „so fein bemerkt und so leicht zu sagen, wenn man nur reich genug ist.“ Er kippte seinen Cognac. „Allerdings blieb Ihr Vortrag ohne jeden Zusammenhang mit der Frage, um die es geht.“

„Keineswegs“, sagte Karin Block. „Dori und Wineck waren von genau dieser Sorte. Nur dass sie nun doch zu fallen drohten, mit viel Pech, aber verdient und tiefer, als sie es sich je vorgestellt hatten. Und das schien ihnen so unglaublich, vor allem so unglaublich ungerecht, dass sie meinten, mich als Ersatz für das gerissene soziale Netz benutzen zu müssen.“

„Was hatten die beiden ausgegraben?“

Karin Block rekelte sich auf den Polstern und lachte verächtlich. „Sie halten mich für zu verwöhnt und zu dumm. Aber Sie selbst sind es, der dumm ist. Sie besitzen keine Menschenkenntnis.“ Karin Block setzte sich mit einem Ruck auf und griff wieder nach ihrem Glas. Das Eis hatte sich fast aufgelöst. „Weil Ihnen andere Menschen herzlich egal sind.“