8 Ein schwarzer Heiligenschein

Nach Mitternacht erst kam Harry Mann bei den Pinewood Apartments an. Der zweistöckige hellbraune Komplex, eins der vornehmen kalifornischen Wohnsilos mit hohen Mauern, zwei elektronischen Alarmanlagen an den Einfahrten zur Tiefgarage und einem blau uniformierten Wächter am Haupttor, umfasste einen ganzen Block am Sepulveda Boulevard, nicht weit vom San Diego Freeway.

Mann umrundete die Siedlung zweimal. Überall wurden die Mauern zusätzlich von Stacheldraht gesichert, von hellen Lampen angestrahlt und durch Videokameras überwacht. Er sah nirgends eine Möglichkeit, unbemerkt einzudringen. Schließlich hielt er auf Sepulveda gegenüber der Einfahrt zur Tiefgarage und stellte Motor und Lichter seines Mietwagens ab.

Auf dem sechsspurigen Boulevard herrschte starker Verkehr in beiden Richtungen. Höchste Zeit für die vernünftigen Teile der arbeitenden Bevölkerung, von den diversen Freizeitvergnügungen heimzukehren. Doch niemand fuhr hinab in die Tiefgarage der Pinewood Apartments.

Harry Mann fühlte sich plötzlich sehr müde. Er dachte an den verkohlten Jeep vor dem Haus oben in den Bergen und an Paps, die blutige Kühlerfigur. Der Alte war pensionierter Beamter der Berliner Kripo gewesen. Steckten Hauptkommissar Lang und sein Gehilfe Magnus hinter Manns Schwierigkeiten? Hatten die beiden herausgefunden, dass er Kellings Mörder war? Und hatten sie ihre Erkenntnisse weitergegeben an die „Stimme“, an politisch einflussreiche Leute, die auf der Suche nach jemandem waren, der für sie ein paar paar missliebige Konkurrenten oder Mitwisser beseitigte?

Möglich. Warum all diese Menschen hatten sterben müssen, blieb ihm allerdings ein Rätsel. Auf jeden Fall ging es um mehr, als er es sich in seiner bundesdeutschen Harmlosigkeit je hätte träumen lassen. Internationales Kapital und Provinzpolitik, dachte Harry Mann; eine ebenso gefährliche wie unverständliche Mischung.