8.2

Harry Mann kniete neben Gal nieder. Ihr Kopf und der Körper in dem blauen Kittel eines Zimmermädchens lagen so unnatürlich schräg zueinander, als gehörten sie nicht zu derselben Person. Alle Farbe war aus ihr gewichen, ihre Haut war weißer denn je, und die halblangen Haare bedeckten den cremfarbenen Teppich wie ein Fächer, wie ein ausgebrannter schwarzer Heiligenschein.

Harry Mann scheute sich, Gal umzudrehen. Er hatte Angst, seiner Liebe ins Gesicht zu sehen. Seine Hände fuhren ängstlich über den knisternden Stoff des Hängers, den Rücken entlang, bis er die warme weiße Haut berührte. Vorsichtig drehte er Gal herum, streichelte ihren Körper und küsste ihre toten Lippen.

Er liebte sie, und sie liebte ihn. Sie war bei ihm. Er würde sie nie wieder gehen lassen. Immer fester klammerte er sich an ihren Körper. Die winzigen Schweißperlen, die seine Wangen dabei in Gals Nacken spürten, die letzten Spuren der Angst, mit der sie gestorben war, brachten ihn zur Besinnung. Er sprang auf, schaffte es zur Tür des Badezimmers und erbrach sich auf die verstreuten Kleidungsstücke, die grünblau karierte Hose und das glitzrige Seidenhemd, die der fette Pater achtlos auf die braunen Kacheln geworfen hatte.

Dann sank er im Flur neben Gal auf den Boden. Er saß dort und ließ ihre Haare durch seine Finger gleiten. Er brauchte Zeit, um zu begreifen, was geschehen war.

Gal war tot.

Mann musste leben.

Wofür?

Für eine schneeweiße Villa in den Bergen? Für das Schließfach in Hamburg? Für den kleinen grauen Kasten im Arbeitszimmer seiner Berliner Hinterhofwohnung? Für den rostroten Diplomatenkoffer, der im Zimmersafe des abstrusen Schlosshotels am Sunset auf ihn wartete?

Nach einer Weile, einer langen Zeit, überwand er sich, hob Gals Leib auf und trug sie hinüber zu den Lederpolstern im Living room. Er legte sie auf den Rücken, drückte ihr die Augen zu und strich die Haare glatt. Ihre Nase hatte eine Spitze, die er nie zuvor an ihr wahrgenommen hatte, und die breiten Backenknochen traten stärker hervor als je zuvor.