8.2

„Nur weiter“, sagte Harry Mann und versuchte, seine Stimme gleichgültig klingen zu lassen, „später erzähle ich dann meine Version.“

Scheherezade, dachte er. Zeit gewinnen.

„Gewiss“, sagte der fette Pater, „dein Wille geschehe. Nachdem du also Kelling beseitigt hattest und dich reich und glücklich im Bett seiner Frau wähntest, tauchte Irene Hexter auf. Durch deine eigennützige Untat waren Irenes kleine illegale Geschäfte mit Kelling geplatzt. Du solltest an seine Stelle treten. Warum du die gute Irene, die mir übrigens eine liebe, wenn auch nicht sehr treue Freundin war, daraufhin mitsamt ihrem Pipi-Jüngelchen kurzerhand abgestochen hast, ist mir allerdings ein Rätsel …“

„Tja“, sagte Mann und lächelte wissend.

Aber wusste er eigentlich wirklich, warum er es getan hatte? Aus Geldgier und Liebe; stimmte das? Zählte Irene Hexter noch zu seiner ganz privaten Mordserie?

Ihren Namen hatte er in Karin Blocks Computer gefunden. Ebenso den der Kellings. Wo hörten seine privaten Verbrechen auf und wo fing der Polit-Krimi an, in den er geraten war? Und welcher Polit-Krimi überhaupt: Niemand, der bei Verstand war, ließ ein halbes Dutzend Leute beiseite schaffen, nur um ein bisschen Steuerbetrug und ein bisschen Bestechung zu vertuschen.

Nichts von dem, was er wusste, machte irgendeinen Sinn.

„Schade, dass du nicht sprechen willst“, sagte Herlois. Er nahm wieder einen Schluck Cognac. „Die Neugier, das kannst du mir glauben“, sagte er dann, „ist eins meiner wenigen Laster. Wenn du mir also einen kleinen Hinweis geben würdest, wäre ich dir …“

Mann schwieg.

„Gut“, sagte der fette Pater nach einer Weile, „dann eben später. Abgemacht?“

Mann nickte.

In diesem Augenblick klingelte es an der Tür, und Mann spürte, wie seine Hände zu zittern begannen.