9 Nichts als die Wahrheit

Harry Mann starrte auf den Bildschirm. Er wusste nicht, wie und womit er anfangen sollte. Automatisch griff seine Hand zu der Flasche Remy Martin, die auf dem Boden neben dem Schreibtisch aus eisgrauem Marmor stand. Es ging auf Mitternacht. Draußen war die Luft, nach einem ungewöhnlich heißen Tag, noch angenehm warm. Das Fenster hinter den Jalousien stand offen, und der sanfte Wind trieb immer wieder kühlere Luft herein.

Mann versuchte sich zu konzentrieren. Die Beweisführung musste hieb- und stichfest sein. An ihr hing sein Leben. Er traute den Versprechungen nicht, die ihm Karin Block gegeben hatte, als sie beide gestern Mittag, betrunken und wirklichkeitsfern, den La Cienega Boulevard hinunter nach LAX geglitten waren. Wenn er die Augen schloss, konnte er noch das Parfüm riechen, diesen eigentümlichen Geruch, der während der langen Fahrt wie ein Schleier aus schusssicherer Luft zwischen ihm und Karin Block gelegen hatte und der bis heute an seinen Nasenflügeln haftete.

Eine knappe Stunde nach Mammas Anruf war er, frisch geduscht und leidlich entspannt, aus dem Portal des „Chateau Marmont“ getreten und den Schlosshügel hinunter zu dem sieben, acht Meter langen pechschwarzen Superstretch-Schlitten gegangen, der auf der anderen Seite des Sunset vor „Oscar’s“-Restaurant auf ihn wartete.

Die Luft hatte trocken und heiß geflimmert und beißend nach Benzin und Schwefel gestunken. Aus dem vollklimatisierten Innenraum der Limousine aber war ihm saubere, eisklare Kühle entgegengeschlagen, zusammen mit diesem herben weiblichen Hauch.

„Ein Tag für ein Erdbeben“, begrüßte ihn Karin Block, und, als sie sein konsterniertes Gesicht sah, fügte sie erklärend hinzu: „Vor den letzten beiden hatten wir solches Wetter.“

„Ermutigend“, sagte Harry Mann und stieg ein.