9 Nichts als die Wahrheit

Das Buch kann man auch bei Amazon kaufen!
Karin Block tat, als bemerke sie von Brauchangens Unruhe nicht. Ungerührt blickte sie hinaus in die süddeutsche Herbstlandschaft, die am Seitenfenster vorbeisauste. Wald und Häuschen, Häuschen und Wald, dazwischen ein paar Fabriken und Tankstellen. Und wieder Wald. Die Blätter der Bäume hatten die gelbe, ungesunde Farbe von Raucherfingern angenommen, und über ihnen und der dreispurigen Autobahn hing tief der Himmel und ließ sich in regelmäßigen Abständen von dichten Regenwolken verdunkeln.

Was Karin Block dort draußen sah, weckte in ihr den Wunsch, so schnell wie möglich in den ewigen kalifornischen Frühling zurückzukehren. Dieser Samstag war trostloser noch, als es der Jahreszeit entsprach. Ein trüber Vormittag, der so recht nur zu von Brauchangens Gesicht passte.

Wieviel von der Wahrheit, überlegte Karin Block, musste sie ihm verraten, um ihre Wünsche plausibel zu machen? Und wie konnte sie das Gespräch am besten beginnen?

Ein geeigneter Einstieg wollte ihr nicht einfallen, und nach ein paar Minuten beschloss sie, erst einmal eine andere, fast genauso dringende Angelegenheit zu regeln. Sie zog den Hörer des Autotelefons aus seiner Halterung und wählte die Nummer ihrer Düsseldorfer Firmenzentrale.

„Hier Block!“ Sie wartete einen Augenblick, bis sie mit ihrem Gesprächspartner verbunden war. „Das Interview“, sagte sie dann, „ist mit dem Kanzler abgesprochen. Geben Sie grünes Licht nach Berlin. Reym kann mich heute Abend treffen. Im Kempi.“

Einen Augenblick lauschte sie in den Hörer.

„Gegen sieben“, sagte sie. „Gut, ich melde mich, sobald ich angekommen bin.“

Sie drückte den Hörer zurück in die Konsole. Von Brauchangen lächelte ihr interessiert zu.

„Viel Glück “, sagte er. „Einiges hängt davon ab, wie die Geschichte medial läuft. Der Kanzler kann in diesen Fragen nicht über seinen Schatten springen.“

„Sie meinen“, sagte Karin Block böse, „er kann nicht über den Schatten der veröffentlichten Meinung springen, weil der Pressequalm sein Gehirn vernebelt und seine Beine lähmt?“

Von Brauchangen schaute unglücklich drein und schwieg.