9 Nichts als die Wahrheit

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Der studentische Aushilfsfahrer verließ die Autobahn über die Ausfahrt Halensee und beschleunigte, bremste und beschleunigte von Ampel zu Ampel und mit wilden Spurwechseln den Ku’damm herunter. Peter Talmer spürte, wie der Kopfschmerz vom Nacken herauf in die Stirn kroch. Der Jetlag forderte seinen üblichen Tribut. Ein wenig benommen und ohne rechtes Interesse blätterte Peter Talmer im „stern“, bis er dabei einen Kommentar von Wolf Reym zur allseits beliebten Spendenaffäre entdeckte.

„Ein Skandal! Der Staat als Selbstbedienungsladen!“ hob die Tirade seines Freundes an. „Eine Verwahrlosung der politischen Sitten, die in der Geschichte der Bundesrepublik ihresgleichen sucht …“ Die abenteuerliche Fahrweise des Studenten ließ Peter Talmers Augen von Zeile zu Zeile rutschen: „Flick und Waterkantgate waren dagegen ein harmloses Vorspiel … Machtwille, der über Leichen geht … die Integrität der Demokratie in Frage gestellt, unser aller Steuermoral gefährdet … Couragierte Staatsanwälte und entschlossene Richter gefordert …“

Wolf hatte das komplette seichte Register routinierter Empörung gezogen. Das Erstaunlichste war, dass sein Kommentar ungemein informiert klang – und doch wusste Reym so gut wie nichts. Er ahnte nicht einmal die wirklichen Zusammenhänge.

Peter Talmer klappte den „stern“ zu, fischte eine „Lucky Strike“ aus der Schachtel in der Brusttasche seiner Lederjacke und zündete die Zigarette mit dem Streichholzheftchen an, das er an der Bar des „Spago“ eingesteckt hatte. Er nahm einen tiefen Zug, lehnte sich zurück in die mattgrünen Kunstlederpolster des Taxis und versuchte, sich zu entspannen.

Alles war glatt gelaufen; alles bis auf eine entscheidende Kleinigkeit: Gal war gestorben, und er hatte ihr nicht helfen können.

*

In dem großen leeren Haus war es totenstill. Wie lange er schon bewegungslos vor dem Computer saß, wusste er nicht. Er sah keine Buchstaben. Für ihn flimmerten vor dem Bildschirm die Konturen eines verkrümmten Körpers in dem blauen, sackartigen Hängekittel eines Zimmermädchens.