9 Nichts als die Wahrheit

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Für Gal war ich der richtige Mann zur richtigen Zeit. Ich ermöglichte ihr die Flucht aus ihrer Ehehölle, einen lukrativen Eins-mit-sechs-Nullen-Ausweg, und ich war auch noch so dumm, mich in sie, die mich benutzte und gemeinsam mit ihrem Komplizen Herlois erpresste, Hals über Kopf zu verlieben.

Harry Mann griff zu dem Wasserglas mit Cognac. „Girl, there’s a better life for me and you“, höhnte dazu eine tierisch rauhe Männerstimme aus dem Radio, „somewhere, somehow, I know …“

Es war das alte Lied, und es weckte in Harry Mann eine Traurigkeit, die ihn sich fremd fühlen ließ, fremd in der Gegenwart.

„Nicht viel später dann“, dachte er bitter, „sollte Gal genauso dumm sein wie ich, und an dieser Dummheit sollte sie sterben.“

*

Seit Tagen schon sprühte nass und kalt ein fisseliger Nieselregen über Harvestehude. Der Wind fegte bitter zubeißend um die Grindelhochhäuser und fing sich unter dem dünnen italienischen Trenchcoat, in den Wolf Reym sich gehüllt hatte. Ein mieser Samstagnachmittag im Herbst. Weit und breit ließ sich kein Mensch auf den Bürgersteigen sehen, und außer dem fernen Rauschen des Verkehrs war kaum ein Geräusch zu hören; vor allem nicht das erhoffte Dieseln.

Geschlagene sieben Minuten stand Wolf Reym jetzt im Eingang des schnieken Stadthauses herum und fror sich so ziemlich alles ab, was nicht tief und fest im Körper eingebaut war. Allmählich wurde er ernsthaft nervös. Unter keinen Umständen durfte er den Flieger verpassen. In Berlin wartete die große Chance auf ihn; die sechs Richtigen seiner an Zufällen nicht gerade armen Karriere.