9 Nichts als die Wahrheit

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Einen Parkplatz für sein schwarzes Mercedes-Ungetüm fand Peter Talmer, nach zweimaligem Umrunden des Häuserblocks, unter der Eisenbahnbrücke schräg gegenüber von der Synagoge. Seit er heute Mittag in Berlin gelandet war, hatte es ununterbrochen genieselt, aber ausgerechnet jetzt, wo er die paar Meter zu dem Portal des Kempinski zu Fuß zurücklegen musste, öffnete sich der Himmel, und es goss in schmutzigen Strömen.

Talmer schlug den Kragen der schwarzen Motorradjacke hoch und rannte los, vorbei an der langen Reihe wartender Taxis, die sich von dem Hoteleingang bis kurz vor die Brücke stauten, und verfluchte atemlos seine Entscheidung, mit dem eigenen Wagen zu fahren.

Der Türsteher des golden schimmernden Hotelklotzes warf dem nassen Ledertypen einen misstrauischen Blick zu. Für mehr allerdings reichten seine Energien nicht. Die Tür musste Peter Talmer sich selbst aufhalten.

Keine Gepäckträger, keine Parkplätze, kein Service, keine Sonne … Mit Wehmut dachte Talmer an Los Angeles zurück.

In der Lobby des Kempinski herrschte angespanntes Gedränge. Vor den Fahrstühlen links vom Eingang stauten sich Gäste, quasselten in ihren breiten Wessie-Dialekten einen Haufen Unsinn und vermufften mit ihren nassen Regenmänteln die Luft.

Talmer beschloss, erst einmal zwei, drei Fuhren abzuwarten. Allmählich kam er wieder zu Atem. Nicht nur die Widrigkeiten des bundesdeutschen Alltags verdarben ihm die Laune – Wo sollte man eigentlich einkaufen, wenn man am Wochenende von einer Reise wiederkam? –, auch Anflüge eines schlechten Gewissens nagten an seinem Wohlbefinden.

Die kleine Verschwörung zwischen ihm und dem alten Kelling mit dem wohltätigen Ziel, Harry Mann zu einem nützlichen und erfolgreichen Mitglied der Gesellschaft zu machen, war ein ziemlicher Schuss in den Ofen geworden. Ohne es zu wollen, hatte er seinen ältesten Freund in eine Sache gezogen, die für alle Beteiligten einige Nummern zu groß war.