9 Nichts als die Wahrheit

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Die Fahrstuhltür öffnete sich, und die Leute davor schoben und stießen einander in den Schacht. Wie die Lemminge. Peter Talmer bekam ein paar Stöße ab und brachte sich ein Stück weit in Sicherheit.

Warum in Gottes Namen hatten es die Menschen in diesem Land so sinnlos eilig? Es war Samstagnachmittag, wer jetzt im Kempinski wohnte, sollte Zeit und Muße haben! Nichts als schlechte Gewohnheit war diese Hast, eine Gewohnheit, die Lebensangst und Unsicherheit zudeckte.

Verdammt klug bin ich, dachte Peter Talmer, nur dummerweise nicht klug genug, um die Pleiten der drei letzten Wochen zu verhindern …

Die Fahrstuhltür öffnete sich erneut. Neben ihm wartete noch ein gutsituiertes molliges Paar mittleren Alters, teuer und zugleich schlecht gekleidet. Die typische Klientel von Luxushotels.

Wie aber hätte er voraussehen sollen, dass Karin Block, die verkorkste und verkokste Karin, dieses verwöhnte und von ihrem tyrannischen Vater verängstigte Töchterchen, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt und ausgerechnet unter Mithilfe von Kellings unglücklicher Frau dermaßen in die vollen gehen würde? Seit ihren gemeinsamen Hippie-Tagen auf Formentera hatte sich das Mädel gewaltig gemausert.

Die Tür des Fahrstuhls schloss sich mit einem Bing hinter Peter Talmer und dem Wessie-Paar.

Warum er sich über Karin Blocks Wandlung vom Lämmchen zum Löwen wunderte, war ihm, sobald er es sich richtig überlegte, allerdings schleierhaft. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, nicht wahr, und Karin Blocks Sein war nun einmal, nachdem der Tod des bösen reichen Vatis ihrem Flippie-Leben ein abruptes Ende bereitet hatte, übersatt an Kohle und Macht gewesen. Also musste sich in ihrem Kopf einiges verändert haben. Wie in dem seinen schließlich auch, denn was Vorausdenken und Nachlesen betraf, lebte er schon seit geraumer Zeit erheblich unter seinem Niveau.