9 Nichts als die Wahrheit

Das Buch kann man auch bei Amazon kaufen!
Das Paar zu seiner Seite musterte ihn aus den Augenwinkeln. Ihre gesenkten Blicke glitten von den schwarzen, hochhackigen Cowboystiefeln vorsichtig hoch über die verwaschenen blauen Jeans zu der schwarzen Lederjacke und den Haaren, deren verschieden lange Strähnen in seinem Nacken hingen wie abgerissene Schnürsenkel. In die missgünstigen Mienen der beiden stand die Frage geschrieben, was so einer wie er im Kempinski zu suchen hatte.

Ich bin ein Rockstar, ein irregeiler drogensüchtiger Rockstar, schrie es in Peter Talmer, ein Tier von Mann, und wenn ihr irgend etwas in die Welt gesetzt habt, was einer Tochter ähnlich sieht, dann werde ich sie krumm und grämlich ficken.

Aber irgendwie fehlten ihm heute die Energie und die Lust, den beiden das auch ins Gesicht zu sagen.

Er hatte andere Probleme.

An jenem Abend vor anderthalb Monaten, als Rudolf Kelling gejammert hatte, wie schwierig es sei, einen geeigneten Nachfolger zu finden, der ihm über die Pensionierung hinaus einen Anteil sicherte, war Talmer sofort sein ewig arbeitsloser Freund eingefallen.

Harry!

Für dessen Billig-Existenz musste noch das Sümmchen, das nach Kellings Abzügen für seinen Nachfolger übrigblieb, ein Vermögen sein. Jedenfalls genug, um sich endlich ein paar anständige Sachen zu leisten und damit aufzuhören, in einem fort herumzuschnorren.

Der Fahrstuhl hielt, das Wessie-Paar stieg aus. Peter Talmer hatte noch drei Etagen zu fahren; bis in den fünften Stock, wo vor zwei Wochen Irene Hexter gestorben war.

Die böse alte Irene! Wenn er ehrlich zu sich selbst war, erinnerte er sich fast mit Dankbarkeit an die Zeit, als er ihren jugendlichen „Chauffeur“ gespielt und damit seinen rapiden Aufstieg zu Wohlstand und Unabhängigkeit begonnen hatte.

Der Fahrstuhl stoppte mit einem weiteren Bing. Peter Talmer schaute sich nach den Zimmernummern um. Karin Blocks Suite lag am Ende des Ganges, der linker Hand abging. Auf dem Weg dorthin würde er an der „511“ vorbeikommen.