9 Nichts als die Wahrheit

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Wenn Harry Mann die Augen schloss, sah er noch ihren scheuen, unsicheren Blick, hinter dem sich soviel Bestimmtheit versteckte. Ein Gespräch mit ihr würde ihm jetzt gut tun. Wie spät war es in Berlin? Schläfrig rechnete Harry Mann und kam auf vier Uhr nachmittags. Die perfekte Zeit. Er entschloss sich, Anne anzurufen.

Nach mehreren Wählversuchen meldete sich über dem weiten transatlantischen Rauschen die vertraute Stimme ordentlich und gehorsam mit vollem Namen. An ihrem Klang hörte er, dass seine verschollene Liebe in Arbeit vertieft gewesen war. Die unermüdlich fleißige Anne.

„Hallo, was treibst du gerade?“ fragte er, wie sie es von seinen sporadischen Anrufen gewohnt war.

„Ich bereite das nächste Semester vor.“

„Und worüber lehren Frau Professorin diesmal?“

„Das interessiert dich doch nicht wirklich …“, wehrte Anne ab. Aber natürlich brannte sie darauf, ein paar gut formulierte Sätze an ihm auszuprobieren.

„Sicher interessiert mich das. Warum hätte ich sonst angerufen?“ versicherte Harry Mann ebenso unlogisch wie wahrheitswidrig.

Anne zog es vor, ihm zu glauben. Solange er sie kannte, hatte sie nicht widerstehen können, ihre neuesten Erkenntnisse zu verkünden.

„Im Mittelpunkt meiner Vorlesung steht,“ hob sie an, „die Rolle des Helden in der modernen Literatur. Genauer: die Frage, ob Helden im klassischen Sinne überhaupt noch möglich sind.“ Kleine Pause. „Was meine ich damit? Nun, Menschen werden zu Helden, wenn sie Außergewöhnliches tun. Aber wer kann heute von sich sagen, er sei Herr über sein eigenes Leben, ein autonomes Subjekt? Bestenfalls verhandeln wir. Reden. Machen Geschäfte, schließen Kompromisse.“