9 Nichts als die Wahrheit

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Allmählich kam Anne in Fahrt: „Zudem fehlt in den Industriegesellschaften die entscheidende Voraussetzung fürs Heldentum: das einheitliche, allen verbindliche Wertsystem. Was die einen für verbrecherisch halten, erscheint anderen normal. Wo die einen nach der Polizei rufen, fordern die anderen das Recht, ihre Gelüste frei auszuleben. In einer sozialen Lebenswelt relativer Akzeptanz aber, inmitten eines Wert-Chaos, kann es den Helden für alle nicht mehr geben!“

Anne holte tief Luft, doch sie tat es so schnell, dass Harry Mann keine Gelegenheit bekam, sie zu unterbrechen: „Was übrigbleibt, ist der kleine Mann als heimlicher Held! Ein Held, den niemand kennt und den keiner bewundert. Eine machtlose Figur, die in den Fängen einer anonymen Maschinerie zu überleben versucht. Ein Ausgebeuteter, ein Irrläufer. Jemand, der nicht die Spur durchblickt!“

Harry Mann hatte plötzlich das dumpfe Gefühl, dass Anne, die munter dozierende Anne, wissen könnte, was ihm während der vergangenen fürchterlichen drei Wochen alles zugestoßen war …

„Der wahre Held ist heute kein Sieger mehr“, sagte sie in seine Gedanken hinein. „Nicht der strahlende Supermann der Massenkultur, kein intergalaktischer Raufbold oder draufgängerischer Detektiv. Der wahre Held der Literatur im Atomzeitalter ist ein Überlebender. Einer, der sich versteckt, duckt, damit ihn keiner zu fassen bekommt. So ist der neue Mann, von dem schon Strindberg spricht; und genauso ist auch die neue Frau beschaffen. Auf der historischen Tagesordnung stehen verstockte Individuen, die ihren privaten Kleinkrieg gegen das übermächtige System führen!“

Anne schwieg abrupt. Sie wartete auf seine Reaktion. Der Hörer an Harry Manns Ohr rauschte wie eine der Muscheln, die er als Kind gesammelt hatte.

„Woher …?“ fragte er irritiert.

„Woher was?“