9 Nichts als die Wahrheit

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Ihr Tod hatte ihn mehr mitgenommen, als er erwartet hatte.

Vorsichtiger hätte er sein müssen, viel vorsichtiger. Nie hätte sie von den illegalen Exporten erfahren dürfen! Bis sie endlich kapiert hatte, dass er und der Pater keineswegs auf eigene Rechnung arbeiteten und dass es sich bei Karin Blocks Problemen um mehr als ein paar harmlose Steuervergehen handelte, war es zu spät gewesen. Nachdem sie selbst so übereifrig ihre Vorladung vor den beschissenen Untersuchungsausschuss betrieben hatte, wer hätte ihr da noch trauen sollen? Und wie konnte man sich darauf verlassen, dass ihr der versprochene elegante Rückzieher gelingen würde?

Nein, da war nur noch die Frage gewesen: sie oder er. Er jedoch, das hieß zugleich: Karin Block! Und wenn deren Besitz in Gefahr geriet, verhielt die sich um keinen Deut anders als ihr Vater: Wie der Alte schreckte sie vor nichts zurück. Natürlich war jeder Vergleich mit dem preußischen Arisierungs-Spezialisten und Zwangsarbeiter-Unternehmer maßlos übertrieben, aber über Leichen ging die aufgeklärte Tochter auch.

Also hatte Maria sterben müssen. Und aus unerfindlichen Gründen litt er darunter, wie er sich es nie vorgestellt hätte. Dabei war alles genaugenommen einzig und allein ihre eigene Schuld. Statt „Tod durch Ertrinken nach Gewalteinwirkung“ hätte der Polizeiarzt ebenso gut „Abkratzen wegen krankhafter Ehrlichkeit und exzessiver Wahrheitssucht“ diagnostizieren können!

Die Blonde brachte die „Bloody Mary“. Auf Fritz Schlosser verschwendete sie dabei keinen Blick. Es war ein Elend in dieser Welt, wenn man erst mal gen Fünfzig marschierte. Automatisch kontrollierte er in der Spiegeltheke sein Aussehen. Das Kinn wirkte weich und bekam eine doppelte Linie. Überhaupt besaß sein Gesicht kaum noch Konturen, nur die Lippen waren hart und schmal. Ohne jeden Zweifel der Mund eines sehr unzufriedenen Menschen.

Fritz Schlosser rutschte auf dem Aluschwinger herum, bis er durch das halbhohe Glasfenster des „Vaterland“ auf den Olivaer Platz sehen konnte.