9 Nichts als die Wahrheit

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Die Luft roch nach Eukalyptus und Tannenharz und nach dem frischen Kaffee auf dem Frühstückswagen, den Lupina gerade hinaus auf die Terrasse gerollt hatte. Der Himmel über dem frisch geweißten Anwesen strahlte knallig blau, und der Wind blies, wie sie es im Radio angesagt hatten, eine trockene Hitze herauf. Die heiße Luft schlang sich um Harry Manns Haut wie Schmirgelpapier, und die klare Morgensonne schnitt dazwischen wie ein Messer: scharf und sauber und ohne …

Der Vergleich gefiel Harry Mann nicht; die Worte erinnerten an zuviel, das wirklich geschehen war.

Während die muttchenhafte Mexikanerin den Tisch am äußersten Punkt der Terrasse deckte, stand Harry Mann ein paar Meter entfernt bei der dichten Hecke, die das Anwesen vor dem Abgrund schützte. Die Sicht reichte an diesem frühen Vormittag weit hinaus über die Steilwand und die kahlen Täler dahinter und ließ sogar fern am Horizont die silbern glänzende Spiegelfläche des Pazifischen Ozeans ahnen.

Harry Mann war unrasiert, verschwitzt und fühlte sich wie ein Penner, der bei besseren Leuten eingebrochen war. Jeder Knochen seines Körpers schmerzte, und seine Augen nahmen die Welt an den Rändern nur umschattet wahr. Aber er genoss die Erschöpfung wie einen Rausch. Ein klarer, sonniger Tag würde es werden, ein Tag wie die meisten in diesem Paradies des ewigen Frühlings.

Nach einer langen Nacht endlich ein ruhiger Tag.

Lupina hatte ihre Arbeit beendet und schlurfte mürrisch über die Terrasse davon. Ihn zu bedienen, war ihr zuwider Er konnte es ihr kaum übelnehmen.

Plötzlich spürte er einen Heißhunger. Sein Frühstück im Freien wartete auf ihn. Langsam ging er, vorbei an den beiden leeren Sonnenliegen, hinüber zu dem gedeckten Tisch.

Alles war perfekt, gerade weil die nackte Frau fehlte. Schon in Manets Bild war sie das störende Element gewesen. Harry Mann hatte Abschied genommen, endgültig Abschied genommen von seinem bisherigen Leben, aber auch von der kurzen schnellen Liebe, die ihn die vergangenen drei Wochen durch die Welt gejagt hatte. Gallathea Kelling war tot. Und seine Gal, die Frau, die er so liebte, hatte immer nur in seiner Einbildung existiert. Dem großen Rausch war ein gewaltiger Kater gefolgt, und nun, am Morgen danach, fühlte Harry Mann sich zum ersten Mal seit Ewigkeiten rundum zufrieden.

Im Grunde musste er dankbar sein, und allen voran seinem besten Freund Peter, der ihn zu der Bewerbung bei „Schlosser, Rulow und Co.“ überredet hatte. So schrecklich die vergangenen drei Wochen gewesen waren, jetzt wusste er, woran er war: Allein. Ein einsamer Rock‘n’Roller mit ein paar wenigen Freunden, denen er trauen konnte: Anne und Wolf, vielleicht Kati, und auf jeden Fall Peter.

Die ältesten Freunde waren immer die besten, und am Schluss waren sie auch die letzten, die einem blieben.

Harry Mann setzte sich an den Frühstückstisch, in den Schatten der drei kleinen Palmen, mit Blick in Richtung Pazifik.

Nur eins, eine winzige Kleinigkeit, störte seine Zufriedenheit. In seinem Rücken saß Mamma. Wenn er sich umdrehte, fiel sein Blick, vorbei an dem Verschlag hinter den dichten mannshohen Fliederbüschen, die die erhöhte Terrasse von dem tiefer liegenden Park trennten, vorbei auch an der schneeweißen und schlossgroßen Villa, auf die alte Frau in der olivgrünen Jagdkleidung, die sich, knapp hundert Meter vom Haupthaus entfernt, in der orangefarbenen Hollywoodschaukel auf Paps’ Feldherrenhügel wiegte.

Wahrscheinlich hatte sie die Nacht dort verbracht. Mann fühlte Mitleid mit ihr, aber ihre Anwesenheit machte ihn nervös. Zumal sie ihn unentwegt beobachtete. In der Hand hielt Mamma einen olivgrünen Feldstecher, den sie auf die Terrasse gerichtet hatte. Neben der alten Frau stand der Klapptisch. Und zwischen dem Klapptisch und der Hollywoodschaukel eingeklemmt, den Kolben am Bein des Tisches und den Lauf an einer Querstrebe der Schaukel, lehnte griffbereit die schwarz glänzende Maschinenpistole.

Harry Mann entschloss sich, Mamma zuzuwinken; vielleicht würde sie das von ihrer sturen Starrerei abbringen. Doch im selben Moment, als er die Hand hob, schwenkte Mamma den Sucher in Richtung des Feldwegs, der in vielen Windungen von der gepflasterten Hauptstraße hinauf zu dem einsamen Anwesen führte.

Irgendetwas musste ihre Aufmerksamkeit erregt haben!

Harry Mann griff zu dem Funktelefon. Doch dann stellte er es wieder auf den Rollwagen zurück.

Er wollte gar nicht wissen, was Mamma dort gesehen hatte. Alles, was er wollte, war seine Ruhe.

Sein Frühstück in Frieden. Die Belohnung. Denn schließlich hatte er es geschafft. Er hatte seinen privaten Ausweg aus der Misere gefunden, und selbst wenn dieser Ausweg sich irgendwann einmal als Sackgasse erweisen sollte, vorerst schien das Paradies, in das er sich gerettet hatte, vollkommen.

Harry Mann saß bewegungslos da, bis er spürte, wie die Stille in seinen Körper einzog, ihn langsam ausfüllte, anstieg zu dem Rauschen der Ruhe, wie er es hier bei seiner ersten Ankunft gehört hatte. Ein unendliches weißes Rauschen, das Rauschen einer glücklichen Welt, in der jeder die Wahrheit kannte, die Wahrheit über alles und jeden und auch über sein eigenes Leben.

Diese Wahrheit.

Welch wunderbare Sinnestäuschung!