9 Nichts als die Wahrheit

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Er war ein freundlicher, jovial wirkender Mann, der unentwegt lächelte und so erfolgreich verhinderte, dass ein Fotograf ihn jemals unfröhlich ablichtete. An diesem kühlen Septembertag, einem Samstagmorgen, waren vor den Absperrungen weit und breit keine Presseleute zu entdecken. Doch der Kanzler lächelte unverdrossen und achtete sorgsam darauf, dass zwischen ihm und Professor von Brauchangen, dessen gigantische Gestalt den Kanzler auf Fernsehschirmen und Fotos ein wenig lächerlich hätte aussehen lassen, die noch kleinere Karin Block ging. Derlei Rücksichten waren ihm längst zur zweiten Haut geworden. Er war ein Profi; einen anderen Beruf als den des Politikers hatte er nie ausgeübt.

„Gut“, sagte der Kanzler, „dass wir einmal in Ruhe miteinander sprechen und die Missverständnisse ausräumen konnten.“ Über sein Lächeln legte sich eine weitere Schicht Zufriedenheit. Sein Gesicht wirkte äußerst Vertrauen einflößend.

Von Brauchangen sah bewundernd zu dem Kanzler herab. Er war stolz, ein Vertrauter dieses Mannes zu sein. Wie die meisten zu groß geratenen Menschen besaß der plumpe Professor kein Gespür dafür, dass das genau die Sorte Blick war, die der körperlich eher kleine Kanzler zutiefst verabscheute.

Karin Block bemerkte nichts von alledem. Sie war zu sehr in ihre unzufriedenen Gedanken vertieft. Der Kanzler hatte sich nicht festgelegt, und bei dem schäbigen Frühstück mit den knatschigen Brötchen, der viel zu süßen Marmelade aus dem Supermarkt und der pissgelben Vitamin-Brühe – sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal Orangensaft getrunken hatte, der nicht frisch gepresst war –, hatte sie der Mut verlassen.

Was sie getan hatte oder hatte tun lassen, war logisch und notwendig gewesen. Unter allen Umständen und mit allen Mitteln den ererbten Besitz zu schützen, war ihre Pflicht; und vorgegangen war sie zu diesem Zweck nicht anders, als sie es von ihrem Vater gelernt hatte. Heute Morgen aber, in der engen, provinziellen Gemütlichkeit, die so penetrant nach Bohnenkaffee roch, erschien ihr diese natürliche Selbstverteidigung plötzlich ungeheuerlich, unmoralisch, verwerflich.