9 Nichts als die Wahrheit

Das Buch kann man auch bei Amazon kaufen!
Von einem Augenblick auf den anderen hatte sie sich nicht mehr vorstellen können, dem biederen Hausherrn, der in diesem altdeutschen Ambiente aus dem Kaufhauskatalog lebte, Auge in Auge gegenüberzusitzen und ihm ins Gesicht zu sagen, was geschehen war und was sie jetzt von ihm erwartete:

„Ich habe den Auftrag gegeben, sämtliche Mitwisser unserer Transaktionen zu beseitigen, und das hat ein halbes Dutzend Menschen das Leben gekostet. Nun verlange ich von dir, nachdem du in etwa so viele Millionen kassiert hast, wie Leute gestorben sind, dass du mir den notwendigen Schutz gewährst!“

Genau das hätte sie sagen müssen, denn für diese Sätze hatte sie die weite Reise unternommen. Und genau das auch hatte sie Harry Mann versprochen; als Gegenleistung für sein Schweigen und dafür, dass er in Zukunft ihr Mann für alle Gelegenheiten sein würde.

Sie näherten sich der eisernen Pforte. Von Brauchangen brabbelte Höflichkeiten über die Schönheiten des Gartens. Karin Block ging unwillkürlich langsamer.

So durfte sie sich nicht abspeisen lassen. Ihre Ängste vor diesem unentwegt fröhlichen Aufsteiger, den schließlich sie selbst an die Macht gespendet hatte, waren absurd. Irrational. Der Kanzler führte das selbstzufriedene Leben eines leitenden Angestellten, und wie Karin Block ihn heute kennengelernt hatte, verbarg sich hinter der kleinbürgerlichen Fassade nichts Nennenswertes. Ein Biederling, der weit über seine Fähigkeiten hinaus befördert worden war. Ein netter Kumpel, den seine Wähler bereitwillig mit den lästigen Kleinigkeiten der Politik beauftragten, damit sie selbst mehr Zeit für so wichtige und amüsante Dinge wie Kegeln, Briefmarkensammeln oder Aquariumpflege hatten.

Nein, der Kanzler war niemand, den man fürchten musste; eher einer, über den man lächeln durfte. Dass er sich in seiner Position bis jetzt hatte halten können, verdankte er weniger den eigenen Fähigkeiten als den befremdlichen Regeln, denen die Bonner Politik gehorchte.