Epilog: Wiedersehen mit Harry Mann

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Kennengelernt hatte ich diesen „entsetzlichsten Mann der Welt“ Ende der siebziger Jahre in Berlin, als wir beide noch dort studierten beziehungsweise so taten. Damals war Harry einer der vielen übriggebliebenen Achtundsechziger, hauste in einer nomadisch organisierten Wohngemeinschaft, deren Küche und Klo sogar nach meinen verwahrlosten Kriterien unsäglich dreckig waren, dachte Tag und Nacht an seine sexuelle Selbstverwirklichung und predigte mir im Wechselgesang die Weisheiten von Henry Miller und Karl Marx.

Eine Weile waren wir befreundet, trafen uns zum Kino, in Kneipen und auf Demos. Bald verloren wir uns wieder aus den Augen. Zum letzten Mal war ich ihm vor Jahren in einer verrauchten Schöneberger Abfüllstation über den Weg gelaufen. Harry hatte gerade das zweite Dutzend Semester vollendet und lebte von Sozialhilfe und Gelegenheitsjobs. Seitdem war ich nur einmal auf seinen Namen gestoßen, vor fünf oder sechs Wochen und in sehr ungewöhnlichem Zusammenhang: in einem groß aufgemachten Interview zur leidigen Parteispendengeschichte. Geführt hatte es unser beider Bekannter Wolf Reym mit jener berühmt-berüchtigten Karin Block, die der ganzen Affäre ihren Namen gegeben hat. Als Scoop angekündigt, enthielt das Interview einen Haufen nichtssagender, dafür unverschämter Floskeln, mit denen der Superreporter zur Freude der gesamten Kollegenschaft abgespeist worden war. An einige der dreisten Antworten konnte ich mich gut erinnern. Über den verschwundenen niedersächsischen Ex-Innenminister Paul Wineck hatte Karin Block etwa gemutmaßt: „Der wird sich wohl mit seinem beziehungsweise meinem Geld nach Südamerika abgesetzt haben.“ Von dem mysteriösen Tod der Bundestagsabgeordneten Maria Schlosser in einer kalifornischen Badewanne meinte sie: „Die arme Frau. Für mich war das ein klares Sexualverbrechen.“ Und den Doppelmord an ihrer Vertrauten Gallathea Kelling und dem korrupten Pater Herlois, der als Geschäftsführer des „Europäischen Vereins zur Förderung grenzüberschreitenden Denkens“ schlicht Chef einer der Blocksehen Geldwaschanlagen gewesen war, kommentierte sie böse: „Der Pater hat seinen Gott betrogen, Gallathea ihren bedauernswerten Gatten. Und beide zusammen haben sie mich aufs Kreuz gelegt. Aber ich will über die beiden den Stab nicht brechen. Vielleicht gibt es dafür so etwas wie eine himmlische Gerechtigkeit?“