Epilog: Wiedersehen mit Harry Mann

Das Buch kann man auch bei Amazon kaufen!
Harry Mann war kein Untier, kein moralisches Miststück, sondern die unschuldigste vielleicht unter allen beteiligten Personen. Auch als Mörder blieb er einer von uns, und zudem war er ein Überlebender, mit dem sich glänzend über die Schönheit und Faszination des Verbrechens plaudern ließ.

„Warum hast du nie einen Kriminalroman geschrieben?“ sagte er beiläufig, als wir uns über den Nachtisch hermachten.

Gute Frage, dachte ich: Wie zum Teufel bin ich eigentlich auf die Idee gekommen, je etwas anderes zu tun? Schon das Lesen – wenn Lesen mehr heißt, als Buchstaben voneinander unterscheiden zu können – hatte ich mit Rex Stout und Erle Stanley Gardner gelernt, mit Dashiell Hammett und Raymond Chandler. Und so ziemlich das einzige, was mir mein Vater bei seinem Tode hinterließ, waren, von meiner Mutter einmal abgesehen, seine rund dreihundert Kriminalromane. Pünktlich zu meinem vierzehnten Geburtstag hatte ich sie allesamt durchgelesen.

Diese exotischen Thriller-Träume brachten ein seltsames Licht in den deutschen Winter, mit dem das Ende der sechziger Jahre begann, eine spezielle Sorte blendend-kalter Helligkeit, in der die Menschen tiefe Schatten warfen und unfreiwillig verrieten, worum es ihnen einzig und allein ging: Geld und Sex und Macht. Und darum, dass nur unberührt davon überlebt, wer sich um all das nicht schert. Was für die meisten von uns ziemlich unmöglich ist.

So weit, so begeistert. Aber als ich dann selbst anfing zu schreiben, in meinem fünfzehnten Frühjahr ungefähr, fabrizierte ich keinen realistischen Kriminalroman, sondern „revolutionäre Liebesgedichte“, spätsachliche Hymnen, in denen jedes angebetete Mädchen die Fahne des sozialen Fortschritts ein Stück weiter trug.

Die einzige Erklärung, die mir für dieses Abschweifen vom vorgezeichneten literarischen Weg einfällt, sind die miefigen moralischen Illusionen, die zu einer bundesdeutschen Mittelklasse-Kindheit damals gehörten. Wo sollte man in einem so aufrechten Land das nötige Personal für einen bösen Thriller à la Hammett oder Chandler hernehmen?