Epilog: Wiedersehen mit Harry Mann

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Nachdem 1945 das große Völkermorden aufgeflogen war, hatte sich das Land mit einem greulich gräulichen Moral-Lack überzogen. Dass dieser Lack verdammt dünn war, änderte nichts daran, dass wir Nachkriegskinder seinem matten Glanz ziemlich lange trauten. Die Parteien mochten rückständig sein, die Gewerkschaften zu friedlich, die Unternehmer arge Profithaie – aber bei aller Kritik, wer von uns wäre noch Mitte der siebziger Jahre so weit gegangen, nach der Polizei zu rufen, weil wir allen Ernstes geglaubt hätten, dass Spitzenpolitiker regelmäßig Beihilfe zur Steuerhinterziehung leisten würden, dass führende Gewerkschaftler ihre Konten in der neuen Schweizer Heimat überlaufen ließen oder dass das organisierte Verbrechen seine Mittelsmänner in den obersten Polizeirängen platziert hätte?

Nein, nach der – natürlich nicht korrupten – Polizei zu rufen, war eigentlich das Privileg der Leute, von deren Gesetzesbrüchen wir jetzt in einem fort erfahren.

Doch allmählich macht unser blindes Vertrauen einem gesunden Misstrauen Platz. Nach dem, was inzwischen alles aufgeflogen ist, kann niemand mehr sagen, die Zutaten für einen guten Thriller-Cocktail seien in unserer Republik nicht erhältlich. Auf der Landkarte der Moral liegt das heutige Bonn von Chandlers Bay City nicht weit entfernt, und warum sollen sich die deutschen Sicherheitsbehörden angesichts ihrer aktenkundigen Skrupellosigkeit immer noch ob ihrer angeblichen Provinzialität schämen?

Es ist höchste Zeit für mehr Selbstbewusstsein. Auch auf diesem Gebiet hat es die zweite deutsche Demokratie zu etwas gebracht. So kriminell wie andere Kulturnationen sind wir allemal.

„Die letzte Bastion überlebter Illusionen“, sagte ich, als Harry endlich die horrende Rechnung verlangte, „ist das Parteien-Fernsehen, das jedes Eindringen der ‚Tagesschau‘-Wirklichkeit in die künstlichen Paradiese des ‚Tatorts‘ mit bürokratischer Zähigkeit verhindert.“