6 Venice sehen…

Als das Gesicht der Frau zeigte, dass Silberschopf in sie stieß, schwenkte Mann die Kamera weg, den weiten leeren Strand entlang.

Wo war die trotzige Tochter? Mehrmals strich er mit der Kamera vergeblich über die weite Leere. In der Vergrößerung glich das Sommerparadies einer Mondlandschaft, die seit langem als Pfadfinderlager missbraucht worden war. Schließlich erfasste das Objektiv die langen Beine und den kräftigen Hintern an der hinteren Seitenwand des Holzhauses. Eher teilnahmslos betrachtete das Mädchen mit den langen blonden Haaren, wie sich die Schenkel ihres Vaters zwischen den Schenkeln ihrer Mutter hoben und senkten. Biologie Leistungskurs.

Vermutlich machte er keine bessere Figur, wenn er auf Gal lag. Er dachte an ihren weichen Körper, den er seit Tagen vermisste. Heute Abend würde er wieder versuchen, sie zu erreichen. Und Kati. Und Peter.

Nach einer Weile blickte das Mädchen hinaus aufs Meer und schob mit der linken Hand die Haare beiseite, die der Wind auf die feuchten, spöttischen Lippen geweht hatte.

Mann musste grinsen. Schlechtes Theater: zwei alternde Akteure, zwei gelangweilte Zuschauer. Seine Laune stieg. Als er den Zoom wieder zurückfuhr, erinnerte ihn die Szene an eins seiner frühesten Lieblingsbilder: Die Frau hatte ihre Waden über dem Rücken des Mannes gekreuzt, und so war es vor vielen Jahren in Annes Bett gewesen, so hatte er sie beide in den billigen Spiegelkacheln gesehen. Das Spiel dieses Paares allerdings besaß die ausdauernde Anmut einer Dampframme. Viel Schweiß hatte die Lieblosigkeit vor ihren kleinen Tod gestellt.

Mord und Liebe. Das Große Geld. Interessanter als die plumpen Körper auf der Betonveranda war der Gedanke an die eintausend Einhundertmarkscheine, die in einem Hamburger Schließfach darauf warteten, dass er sie abholte – sobald er sich den Erpresser vom Hals geschafft hatte. Viel Geld für einen glücklosen Glücksspieler, der sich von einer anonymen Stimme fernsteuern lassen musste.

Und dann, ein, zwei Minuten später, als Silberschopf und seine Frau dort unten, sich ihrem Höhepunkt entgegenrackerten, drang in seine Gedanken unmerklich eine Störung, ein Geräusch, das sich in seinen Rücken bohrte. Schnelle Schritte. Wie in Trance glitt die rechte Hand zu dem Messer in der Jackettasche …

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Gegen halb fünf traten zwei Frauen und ein silberschopfiger Mann aus dem postmodernen Gebäude – die drei Personen, die das Polaroidfoto zeigte. Und wie sie ihr Luxusheim verließen! Die Familie rückte in Shorts aus; in Shorts mit Sandalen und Wollstrümpfen! Witterten sie irgendwo Süden, wurden die feinen Leute bieder wie die Kröten.

Die drei marschierten am „Treefrog’s Café“ vorbei, rechts in den Ocean Front Walk.

Dankbar für die amerikanische Unsitte, dem Gast unmittelbar, nachdem er den letzten Bissen verschluckt hat, die Rechnung hinzuschieben, legte Harry Mann fünfundzwanzig Dollar auf den Tisch und folgte seinen Opfern.

Am Beach-Parking bestieg die Familie das bei weitem auffälligste Gefährt, einen geschmacklos goldenen Rolls Royce. Mann fragte sich, warum der Wagen nicht in der Garage des Hauses abgestellt war. Wohnten die drei gar nicht in dem weißen Bunker?

Der Rolls bog links in die Pacific Avenue und rollte gemächlich mit dreißig Meilen dahin. Ihm zu folgen war leicht. Harry Mann hielt mehrere Wagen Abstand und versuchte, sich die Straßenführung einzuprägen. Kurz hinter Pico Boulevard ging eine Abfahrt nach links zum Pacific Coast Highway hinunter, dessen überbreites Betonband endlos lang parallel zum endlos breiten Strand verlief.