6 Venice sehen…

Alles war in diesem Land größer, zu groß. Selbst der blaue wolkenlose Himmel schien höher als in Europa.

Zwanzig Minuten später hatten die beiden Wagen Malibu erreicht. Die schäbigen Rückfronten der teuersten Villen auf Gottes weiter Erde trennten jetzt Highway und Strand. Viele der Häuser machten einen verlassenen Eindruck.

Gegen halb sechs hielt der Rolls an einem Fast-Food-Deli, und das blonde Mädchen verschwand für ein paar Minuten, um mit zwei braunen Papiertüten wieder aufzutauchen. Weiter ging es, gemächlich immer geradeaus, hinein in die noch hochstehende Abendsonne.

Mit jeder weiteren Meile veränderte sich das Verhältnis von Beton und Landschaft zugunsten der kahlen Felsen. Bald fuhren zwischen dem goldfarbenen Rolls und dem dunkelblauen Nova nur noch wenige Wagen, und Harry Mann vergrößerte seinen Abstand.

Eine halbe Stunde später, an der Zufahrt zu einem Strand, bremste der Rolls ab und rollte ihm Schritt-Tempo weiter. Er schien an seinem Ziel angekommen.

Harry Mann war inzwischen gut dreihundert Meter zurückgefallen und hielt oben auf der Anhöhe hinter dem Rest eines Felsens, durch den man die Zufahrt in die Bucht gesprengt hatte. Von hier aus führte der Highway in einer sanften Kurve hinunter, bis er ziemlich genau in der Mitte der Senke den tiefsten Punkt erreichte. Danach stieg er im Halbkreis erneut an, um eine gute Meile weiter durch eine zweite künstliche Schlucht wieder hinauszuführen.

Der Rolls war an diesem tiefsten Punkt angelangt. An ihm gab es zwei Abzweige, einer endete rechts an der Zufahrt zu einem geschlossenen Campinggelände, das hinter einem dichten Wäldchen verborgen lag, und ein zweiter ging nach links ein weiteres Stück hinunter zu einem Parkplatz, der am Strand im Schatten einiger Palmen, Pinien und Sykomoren angelegt war.

In diesen Abzweig bog der Rolls und hielt, halb von den Bäumen verdeckt. Seine Türen öffneten sich. Der Mann trug die beiden braunen Papiertüten im Arm. Er stapfte mit ihnen durch den Sand gen Wasser. Die zwei Frauen folgten ihm.

Langsam ließ Harry Mann den Nova in die Senke hinunterrollen. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Er nahm den rechten Abzweig, fuhr ein Stück weit hinein und parkte in dem Wäldchen, so dass der Wagen zum Highway hin versteckt war. Dann holte er Peters abgelegte Videokamera aus dem Kofferraum und lief zwischen den Bäumen im weiten Bogen zum äußersten Ende des Waldstückes. Dort überquerte er die Fahrbahn. Zwischen ihr und dem Strand lag eine dichte Reihe wild gewachsener Sträucher und Hecken. An ihnen entlang ging Mann den Highway wieder hinauf in Richtung Malibu, aus der er gekommen war.

Nach fünfzig Metern bot sich ein hervorragender Überblick über den tiefer liegenden Strand. Den optischen Mittelpunkt bildete eine Art hellblauer Kabine auf Stelzen mit einem Geländer rund herum, ein Turm der Rettungswacht, die Nummer sechs an dieser Küste, wie ein großes Schild anzeigte. Die Fenster des Ausgucks waren, der Jahreszeit entsprechend, verrammelt. Auch in jeder anderen Hinsicht hatten fürsorgliche Behörden die Bucht vollständig zivilisiert, inklusive verwitterter Sitz- und Barbecue-Ecken, einem Münztelefon, mehrerer metallener Toilettenkabinen und zwei Dutzend grauer Mülltonnen.

Von all dem Luxus machte an diesem Spätsommerabend niemand außer den dreien Gebrauch. Sie hatten den Inhalt der beiden braunen Papiertüten auf einem der Tische ausgebreitet und begannen, von unzähligen Möwen umkreist, zu speisen.

Durch den Sucher der Kamera beobachtete Mann die Familie. Falls ihn jemand sehen sollte, würde ein verrückter Tourist, der eine Einöde filmte, unverdächtiger wirken als eine Person mit Feldstecher. Obwohl man bezweifeln musste, dass in Kalifornien überhaupt irgendeine Verrücktheit auffiel. Hier stachen die wenigen Normalen ins Auge.

Mann ließ den Zoom vor- und zurückfahren und tastete Stück für Stück die Körper ab.

Der Mann war mittelgroß, Mitte Vierzig und höhensonnengebräunt. Sein dichtes Haar schimmerte zu silbernweiß, um nicht gefärbt zu sein. Das Gesicht besaß kaum Konturen, nur der Mund war hart und schmal. Das Kinn wirkte weich und bekam allmählich eine doppelte Linie. Unter dem maßgeschneiderten Hemd zeichnete sich sanft der beginnende Bauch ab. Ein Fall für den Heimtrainer.

Mann schwenkte die Kamera. Die rote Bluse, deren oberste Knöpfe geöffnet waren, spannte sich unter dem Druck der breiten Schultern und schweren Brüste. Der Hals der Frau war weiß und im Nacken von der Sonne leicht rosa gefärbt. Ihr Haar trug sie sehr kurzgeschnitten, kürzer als ihr Mann. Ihr Mund war breit, und ihr Lächeln schien unverkrampft. Mann vermochte nichts Zierliches an ihr zu entdecken. Wenn sie sprach, traten ihre Lippen hervor, und die Nasenflügel weiteten sich. Ihr Oberkörper wurde mühsam von einem BH aufrecht gehalten, dessen Druck die erigierten Brustwarzen wie zwei Glasmurmeln hervortreten ließ. Auch die überstrapazierten Shorts erlaubten keine Zweifel an dem, was darinnen steckte, und das Fleisch der nackten Schenkel glänzte auf eine ungesunde Art weiß und fast noch fest.

Aus unerfindlichen Gründen war Mann die Frau sympathisch.

Nach zehn Minuten hatte die Familie ihr Picknick beendet, und die drei gingen hinunter zum Wasser. Dort standen sie unschlüssig herum und schienen sich über den weiteren Verlauf des Ausflugs nicht einigen zu können. Ihre sechs Hände fuchtelten in alle Himmelsrichtungen.

Das Mädchen wandte sich schließlich um und stapfte davon, zum nördlichen Ende des Strandes. Die Eltern blieben einen Augenblick stehen und sahen ihr hinterher. Dann hakte sich die Frau bei dem silberschopfigen Mann unter, und die beiden spazierten in die entgegen gesetzte Richtung.

Mann folgte ihnen auf der Straße im Schutz der Hecken. Die untergehende Sonne hing halbhoch über dem Pazifik und warf gelbes Licht auf die braunen Felsen hinter ihm. Wind war aufgekommen und trieb frische feuchte Seeluft ins Land. Sie blieb an der Haut kleben, und es wurde endlich ein wenig kühler. Kurz vor dem höchsten Punkt der Bucht, an dem sie der Highway in einer weiten Kurve durch die Felsen geführt hatte, fand Mann den perfekten Aussichtspunkt.

Im Sucher verfolgte er, wie die Waden der Frau, von den weißen Wollsöckchen nur zur Hälfte bedeckt, sich über den hohen Absätzen der Sandalen spannten. Sie ging nicht gerade elegant, aber entschlossen. Weder ihr noch ihrem Mann sah man von weitem Unsicherheit an, doch in der Vergrößerung des Zooms waren ihre unbehaglichen Blicke deutlich zu erkennen.

Sie lebten ein Leben auf Abruf, und sein Gefühl sagte ihm, dass zumindest eine der Personen darauf wartete, dass etwas geschehen würde. Er musste es hinter sich bringen. Das ausgestorbene Terrain gab die ideale Kulisse für einen Mord ab.

Als das Paar die Felsen am südlichen Ende des Strandes erreicht hatte, schauten die beiden zu dem blau gestrichenen, einstöckigen Holzgebäude, das versteckt in der äußersten Ecke der Bucht dicht bei der felsigen Straßenböschung stand, gut zehn Meter über dem Strandlevel und ebenso tief unter dem Level der Fahrbahn. Die Frau sagte etwas, und Silberschopf nickte zögernd. Hand in Hand kletterten sie hoch zu dem Haus, direkt hinein in den Sucher der Kamera.

Mann schwenkte fast automatisch nach rechts. „Life Guard Headquarters“ verkündete ein Schild im Fenster, und darunter „First Aid“, verziert mit zwei kleinen roten Kreuzen. Jetzt kam auch das Paar ins Bild. Die beiden stiegen die Stufen hoch zu der Holzveranda. Auf ihr verfaulten zwei weitere dieser hölzernen Tisch-Bank-Kombinationen. Überall lagen verrostete Bierdosen herum, leere Flaschen, bunt bedruckte Styroporverpackungen von Fast-Food und ein Haufen anderer Zivilisationsmüll, den Mann im Sucher der Kamera nicht identifizieren konnte. Neben der grauen Mülltonne lehnte wie zum Hohn ein unbenutzter Besen an der Wand.