6 Venice sehen…

Rosiger, dachte Harry Mann, als Blondies Zukunft je sein würde. Er kämpfte mit der Versuchung, die Kamera einzuschalten. Allein die Vorstellung, dass er sich die Kassette im reformierten Strafvollzug etwa so viele Jahre lang würde ansehen können, wie das Mädchen alt war, ließ ihn darauf verzichten. Stattdessen schwenkte er zurück in Richtung der Eltern.

Was er sah, überraschte ihn. Die Frau lächelte süßlich wie eine Berliner Straßenhure. Dann sagte sie irgendetwas und begann, an den Shorts ihres Mannes herumzunesteln. Es war wie in einem schlechten Stummfilm. Silberschopf machte sich mit wenig Begeisterung an der Bluse seiner Angetrauten zu schaffen. Vor einigen Jahren und vielen Kiloschachteln Konfekt hatte er sie gewiss für eine üppige Schönheit gehalten. Jetzt stellte er sich so ungeschickt wie möglich an, und seine enttäuschte Frau zog dazu das Gesicht einer Krankenschwester, die sich mit Genehmigung des Oberarztes selbst ein Klistier bereiten darf.

Plötzlich meinte Mann zu verstehen, wem an diesem Mord soviel gelegen sein könnte.

Nach einigem Umstand hatte Silberschopf seine Shorts auf die Höhe seiner Kniestrümpfe gebracht, und das Paar drückte sich ungelenk auf die vergammelte Rücksitzbank. Als das Vergnügen der beiden richtig begann, tastete Mann nach dem Messer in seiner Jackettasche und spielte kurz mit dem Gedanken an ein Gemetzel. Er hasste die Lust der beiden. Sie war zweitklassig. Hätte er das Geld dieses Mannes – und Silberschopf musste Geld haben, um sich den poppigen Rolls leisten zu können –, er wüsste Besseres, als sich an einem kahlen, verlassenen Strand lustlos vergewaltigen zu lassen.

Ohne den Zoom zu verändern, starrte Mann weiter auf die beiden Körper. Ein Haufen schlechter, spannender Filme ging ihm durch den Kopf: Er war ein Teil der beiden dort auf dem Betonboden, er war wie ihre Liebe, denn er brachte den Tod.

Bei diesem Gedanken kroch eine Gänsehaut seinen Rücken hinunter. Gewiss, er schämte sich seiner fatalen Neigung zu sentimentalen Geschichten, aber Schämen half da nicht.

Als das Gesicht der Frau zeigte, dass Silberschopf in sie stieß, schwenkte Mann die Kamera weg, den weiten leeren Strand entlang.

Wo war die trotzige Tochter? Mehrmals strich er mit der Kamera vergeblich über die weite Leere. In der Vergrößerung glich das Sommerparadies einer Mondlandschaft, die seit langem als Pfadfinderlager missbraucht worden war. Schließlich erfasste das Objektiv die langen Beine und den kräftigen Hintern an der hinteren Seitenwand des Holzhauses. Eher teilnahmslos betrachtete das Mädchen mit den langen blonden Haaren, wie sich die Schenkel ihres Vaters zwischen den Schenkeln ihrer Mutter hoben und senkten. Biologie Leistungskurs.

Vermutlich machte er keine bessere Figur, wenn er auf Gal lag. Er dachte an ihren weichen Körper, den er seit Tagen vermisste. Heute Abend würde er wieder versuchen, sie zu erreichen. Und Kati. Und Peter.

Nach einer Weile blickte das Mädchen hinaus aufs Meer und schob mit der linken Hand die Haare beiseite, die der Wind auf die feuchten, spöttischen Lippen geweht hatte.

Mann musste grinsen. Schlechtes Theater: zwei alternde Akteure, zwei gelangweilte Zuschauer. Seine Laune stieg. Als er den Zoom wieder zurückfuhr, erinnerte ihn die Szene an eins seiner frühesten Lieblingsbilder: Die Frau hatte ihre Waden über dem Rücken des Mannes gekreuzt, und so war es vor vielen Jahren in Annes Bett gewesen, so hatte er sie beide in den billigen Spiegelkacheln gesehen. Das Spiel dieses Paares allerdings besaß die ausdauernde Anmut einer Dampframme. Viel Schweiß hatte die Lieblosigkeit vor ihren kleinen Tod gestellt.

Mord und Liebe. Das Große Geld. Interessanter als die plumpen Körper auf der Betonveranda war der Gedanke an die eintausend Einhundertmarkscheine, die in einem Hamburger Schließfach darauf warteten, dass er sie abholte – sobald er sich den Erpresser vom Hals geschafft hatte. Viel Geld für einen glücklosen Glücksspieler, der sich von einer anonymen Stimme fernsteuern lassen musste.